ARD, ab 16. Januar jeweils montags, 20.15 Uhr: "Smileys Leute" – Fernsehfilm in sechs Teilen von John Le Carte und John Hopkins

Die Welt ist wirklich schlecht, und am schlechtesten die Welt der Geheimdienste. Da gehst du in Paris spazieren, schon wirst du überfahren; dann läufst du durch die Hampsteader Heide (London N 3), und man schießt dir das Gesicht fort. Gibst du eine Hamburger Boots-Party, bleibst du als toter Rollbraten nackt umschnürt in der Kajüte. Dazwischen knappe Erholungen im Puff-Milieu, Stipvisite am Swimming-pool ("Kümmerst du dich mal um den Grill", sagt Mario Adorf zu der Bikini-Mieze, als er zur Klärung eines Sachverhalts kurz abberufen wird), dann ein Vorsprechen in Bern, wo russische Handelsattaches bei Sekt mit Frauen Spionagedienste pflegen (trottelhaft), und weiter geht’s nach Berlin/W., in die neblige Frühe, die immer dann bei der dortigen Oberbaumbrücke herrscht, wenn wieder mal ein Top-Spion aus der Kälte kommen soll.

Ferngläser äugen in den Dunst der eisenverrotteten Grenzbrücke, Zigaretten glimmen, Türken brabbeln türkisch beim Kebab in der Garküche, Zifferblätter zeigen Zeiten, und ein Mann geht seinen weg, einsam von O. nach W., und der Alte diesseits wartet auf ihn, seinen Top-Gegner, mit grauen Augen.

Der Sowjet-Typ, Obermacker des Geheimdienstes, ist ein zwar mieser, rücksichtslos über Menschen disponierender Kerl, aber mit Herz für Familie – und also erpreßbar. Der Brite, geschaßter Obermacker seines Secret Service vom alten Schrot und alten Korn, spielt den Vater Allwissend: immer sieht er sofort die Zusammenhänge, immer findet er den Beweis in der Astgabel, im Nebel, wenn’s sein muß in der Psyche. Während die Kamera in Großaufnahme eine Gauloises-Schachtel zeigt im Revers eines Lkw-Fahrers, später einen Aschenbecher mit Gauloises-Kippen im Zimmer des Ermordeten, ahnen wir nicht, was dies beweisen kann, doch einer ist, der alles weiß, der alte, traurige Wolf – Alec Guinness.

Fernsehgucker kennen ihn längst in dieser Rolle, ja, sie könnten/können ihn nun sogar hintereinander weg im ZDF und ARD ab cleveren Smiley sehen; erst wiederholten die einen "Dame, König, As, Spion", jetzt schicken die anderen ihn sechsmal als "Agent in eigener Stelle" auf Achse, Obertitel: "Smileys Leute", womit sicher nicht die Geheimtypen von heute gemeint sind, lauter seelenlose Jobber ohne Moral and Überzeugung, für die Politik vor Pragmatik geht. Und Politik wird hier sogleich ab schlapper Opportunismus vorgeführt. Schon äußerlich und die Neuen äußerlicher, haben Villen (während Smiley irgendein! der Londoner Serienhäuschen mit Milchflaschen auf den drei Stufen bewohnt), liegen angeödet in Fauteuils, sobald von Ideologie und Vaterlandsliebe gesprochen wild; noch nicht einmal für die Familie haben sie ein Herz. Fragt Smiley, dem soeben der familienfreundliche Chef von drüben in die Falle gegangen ist, seinen smarten Jungkollegen, ob er sich freue, Vater zu werden, sagt der: "Ich glaube schon. Und dann die ganzen Vorteile, die Zulagen im Außendienst...". Miete Welt, wozu noch Agenten fangen? Smiley blickt traurig.

Im Ernst, John Le Carré hat da einen fechten Quark geschrieben, den auch Drehbuch-Mitverfasser John Hopkins nicht verbesserte, und der Regisseur Simon Lankton läßt vor allem mal Zeit vergehen, läßt Schweigen Jason, Beine durchs Laub schlendern; mal zeigt er die Wade, mal das Haupt von Schreitenden und Schweigenden, mal Hamburg, mal London. Und immer wissen wir nicht, was los ist. Wäre da nicht Alec Guinness, der lauschend und kühl diagnostizierend diese traurige Epoche für uns beobachtet, dann wäre da nichts. Skeptisch, bis und unerbittlich sanft blickt er, verachtungsvoll, amüsiert, kühl bis ans Herz hinan, auf diese schnöd gewordene Zeit, und ihm ist, als ob es Wer Miese gäbe und hinter Inner Miesen keine Welt. Wir aber begreifen nie, wieso. Michael Skasa