Spare in der Zeit, so hast du in der Not – das galt einmal. Heute heißt es: Borge in der Zeit, zurückgezahlt wird später

Von Ralf Dahrendorf

Mein Freund, der im Versicherungsgewerbe tätig ist und zudem Erfahrungen mit Bausparkassen hat, erzählte mir von seiner Schreckensvision. Er sei durch einen kleinen Ort in seinem Revier gefahren, und plötzlich habe er durch die Eigenheime, die Wirtschaftsgebäude, die Gemeinde-Einrichtungen hindurchgesehen: "Der schuldet mir 200 000 Mark, der 50 000, der 80 000, und die Gemeinde – na, davon reden wir besser gar nicht." Auf einmal habe sich die schöne Wohlstandswelt mit ihren Holzverschalungen, Marmortreppen, Schwimmbädern in eine Schuldenwelt verwandelt.

"Und weißt du, die Leute sind ja verrückt. Da hat einer 20 000 Mark in bar, und vielleicht noch eine kleine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag, und dann baut er für eine halbe Million. Alles nur vom Besten, Steine aus Italien, japanische Tapeten, Wahnsinn ist das." Und wie zahlt er das geborgte Geld zurück? "Er? Das läuft bis ins Jahr 2020. Aber es beunruhigt ihn nicht, daß seine Kinder das bezahlen müssen. Er redet immer nur von Wertsteigerung und rechnet fest damit, daß die Inflation mit dem Geld sowieso die Schulden entwertet." Ist denn das noch ein realer Wert? Kann man all diese Häuser überhaupt verkaufen? "Natürlich nicht. Das ist es ja gerade. Es steht alles auf tönernen Füßen."

Dann denke ich an die Vorlesungen, die ich vor 35 Jahren gehalten habe. Wie heißt es doch in Max Webers Protestantischer Ethik? Der Erfolg in dieser Welt zeigt, ob man auserwählt ist, lehren die Calvinisten. Das ist kein Lotterie-Erfolg, sondern einer der Leistung. Man muß ihn durch eigenes Tun unter Beweis stellen. Arbeit, Beruf sind moralische Pflicht, lehren die Lutheraner. Es ist etwas an sich Gutes im fleißigen, arbeitsamen Leben. Und nur durch solche Werte wird die moderne Volkswirtschaft zunächst in Gang gesetzt und dann in Gang gehalten.

Es begann mit dem Ratenkauf

Daß dies nicht nur für kapitalistische Volkswirtschaften gilt, konnte Max Weber noch nicht wissen. Doch hätte er Thomas Mann sicher nicht widersprochen, der (übrigens in der Zeit, in der er den "vielgenannten Prof. Max Weber" in München kennenlernt) in sein Tagebuch notiert: "Ich bedachte in diesem Zusammenhang, daß der sittliche Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus darum geringfügig ist, weil beiden die Arbeit als höchstes Prinzip, als das Absolute gilt."