Sehenswert

„Eating Raoul“ von Paul Bartel, gemixt aus Sex, Mord und Kannibalismus, gewürzt mit einem respektlos-sarkastischen Kommentar und serviert mit sanfter Tücke, ist ein Leckerbissen – für die Freunde des schlechten Geschmacks und des schwarzen Humors. Ein proper-verklemmtes Pärchen im Sündenbabel Hollywood, Paul und Mary Bland (Paul Bartel und Mary Woronov), das alles tut, um Sex zu vermeiden, und vor nichts zurückschreckt, um an Geld zu kommen, träumt vom alternativen Eßlokal auf dem Lande. Ein Schlag von Paul mit der Bratpfanne aufs Haupt eines „swinging Single“, der Mary vergewaltigen will, liefert die Lösung drängender Finanzprobleme. Der Lüstling landet im Müllschlucker, ein Bündel Bares bleibt zurück, und fortan praktizieren Paul & Mary ihre ganz spezielle „Swinger“-Methode: sie schwingt als „Cruel Carla“ ihre langen Beine und er die gußeiserne Pfanne; die Kunden kommen zuhauf und werden kurz darauf hinausgetragen – mit den Füßen zuerst und im Müllsack. Aus dem Duo wird ein Trio infernal, als der mexikanische Miesling Raoul (Robert Beitran) als Teilhaber einsteigt und dank seiner Verbindungen zur „Doggie King“-Hundefutterfabrik für die Entlastung des Müllschluckers und Profitmaximierung sorgt. Mit ihrem Spott auf die (wiederauferstandene) Konsummentalität der Fünfziger und die Perversion der Mittelklassemoral könnte man diese (den Comics des Satire-Magazins „Mad“ verwandte) makabre Burleske beinahe als bissige Persiflage des amerikanischen Ideals vom freien Unternehmertum und als komische Parabel über die Beziehung von Sex und Kapitalismus (über-)interpretieren. Ihr spezieller Reiz liegt in der cleveren Kombination von Untertreibung und Überzeichnung: dem lässigen Understatement, mit dem Paul Bartel („Frankensteins Todesrennen“) und Ex-Warhol-Star Mary Woronov („The Chelsea Girls“) diese kreuzbraven und korrekt-gierigen Monster der Normalität mimen, und der amateurhaft wirkenden Spontaneität der Inszenierung, die eine simple Grundidee unverschämt bis ins äußerste Extrem treibt und mit einem Happy-End krönt.

Helmut W. Banz

Zwiespältig

„Dämonen im Garten“, von Manuel Gutierrez Aragön. Der „Garten“ des Titels ist ein Kramladen in einer spanischen Kleinstadt, nach dem Bürgerkrieg, unter dem verfestigten Franco-Regime, lange vor dem Einzug moderner Zeiten. Und die „Dämonen“? Damit muß die Familie gemeint sein, die diesen Laden betreibt: die Großmutter, ihre zwei Söhne (der geratene und der ungeratene, der es zum Kellner in Francos Leibwache bringt), deren zwei Frauen, der Enkel. Um diesen vor allem geht es. Sein Vater, der ungeratene Sohn, das Schwarze Schaf, ist auf und davon, und der Rest der Familie folgt freudig dem Ratschlag eines Arztes, das Kind seiner schwachen Gesundheit wegen zu verwöhnen. Jeder Wunsch wird dem Bengel erfüllt, und langsam kommt in ihm der anspruchsvolle, bossige, unausstehliche Macho zum Vorschein. Will der Regisseur sagen, daß Söhne selbst in deren Abwesenheit nach ihren Vätern schlagen? Das hatte der heute 42jährige Regisseur, der im Untergrund 15 Jahre lang der Kommunistischen Partei angehörte, gewiß nicht im Sinn. Eher dürfte es sich um eine filmische Faschismustheorie handeln: Faschismus rühre daher, daß die Männer von klein auf verhätschelt werden, vor allem von diesen tüchtigen, nur leider in sie töricht vernarrten Frauen. Mag es glauben, wer will. Manchmal versucht der Film, seine wacklige These mit aufdringlich bedeutungsvollen Bildern auch noch dem uninteressiertesten Liebespaar in der letzten Reihe nahezubringen. Auf weite Strecken aber vergißt er sie, und dann ist er ein sympathisches Familienepos aus harten Bürgerkriegszeiten. Keine „Dämonen im Garten“, sondern „Sippschaft im Laden“, und die ist viel sehenswerter.

Dieter E. Zimmer

Schwülstig