Die Probleme der Universität mit den Zensuren

Von Dorothea Hilgenberg

Wer sich an einer deutschen Universität eingeschrieben hat, kann viele und wenige Vorlesungen besuchen, er kann sich in sein Fach vertiefen oder seine Bücher links liegen lassen. Eines aber wird ihm auf keinen Fall gelingen: Das hartnäckige Vorurteil über den Leistungs- und Niveauverfall an unseren Hochschulen zu erschüttern.

Im gleichen Tempo, in dem die Universitäten von feinen Bildungsstätten für eine Minderheit zu Masseneinrichtungen heranwuchsen, häuften sich die Klagen über eine mangelhafte akademische Ausbildung und unzureichende Vorbereitung auf die Berufswelt. Der Mängelkatalog, den die Arbeitswelt dem akademischen Nachwuchs vorhält, listet ein Bündel von Versäumnissen auf. Mal wird zu viel, mal zu wenig Spezialwissen gerügt, mal werden praktische Kenntnisse vermißt, dann wieder wird über das niedrige wissenschaftliche Niveau geklagt.

Was aber in den 20 Jahren der Vervierfachung der Studentenzahl vollends in Erschütterung geriet, war der Glaube an die Hochschulnoten. Die Würde, die einst das Universitätsdiplom ausstrahlte, und die Ehrfurcht, die es beim Betrachter auslöste, scheinen dahin. Die Unternehmen werfen den Professoren die Vergoldung des gerügten Leistungsverfalls durch übertrieben gute Zensuren vor. Sie mißtrauen den glänzenden Standardnoten, mit denen sich die Jungakademiker bei ihnen bewerben.

„In einigen Fächern liegen die bundesweiten Durchschnittsnoten deutlich über gut oder dicht bei sehr gut“, sorgte sich der ehemalige Präsident der Freien Universität Berlin, der Germanistik-Professor Eberhardt Lämmert, bei einem Expertentreffen zum Thema Hochschulprüfungen vor zwei Jahren. Er wußte, wovon er sprach. Schließlich muß sich die einstige Apo-Hochburg schon seit vielen Jahren nachsagen lassen, sie mache es ihren Examenskandidaten durch eine zu sanfte Notengebung zu leicht.

Tatsächlich zeigt die Zensurenstatistik der Berliner Hochschule in vielen Fächern einen Trend zur hochkarätigen Einheitsnote. Ob Natur- oder Geisteswissenschaften, Magister oder Diplom – der Semesternotendurchschnitt kreist um „Gut“ und noch häufiger um das „Sehr gut“.