Die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche wird fast täglich schärfer. Während die Gewerkschaften immer lauter nach einer generellen Verkürzung der Wochenarbeitszeit rufen und Ernst Breit, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die kühne Behauptung aufstellt, dadurch würde für 1,2 Millionen Arbeitslose die Möglichkeit geschaffen, wieder eine Beschäftigung zu finden, warnen die Arbeitgeber mindestens ebenso eindringlich vor einem solchen „Abenteuer“. Unterstützt von der Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler und ökonomischen Forschungsinstitute behaupten sie, daß eine drastische Reduzierung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich die Krise am Arbeitsmarkt nicht mildern, sondern wegen der hohen Kosten dramatisch verschärfen würde.

In einer Hinsicht ist dieser ganze Streit müßig: Die Verkürzung der Arbeitszeit hat längst stattgefunden. Die gesamtwirtschaftliche Leistung in der Bundesrepublik entsprach nämlich im vergangenen Jahr ziemlich exakt dem Bruttosozialprodukt von 1980. Damals waren aber nur 889 000 Männer und Frauen dazu verurteilt, dem Produktionsprozeß tatenlos zuzuschauen. Im Durchschnitt des vergangenen Jahres dagegen standen 2,25 Millionen unfreiwillig außerhalb des Arbeitsprozesses. Mit anderen Worten: Ihnen wurde zwangsweise mehr Freizeit zugewiesen, als sie haben wollten.

Umgekehrt wünscht sich über die Hälfte der rund 22 Millionen Arbeitnehmer mehr freie Zeit oder zumindest eine andere Einteilung der Arbeitszeit, wie Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ergaben. Bei repräsentativen Umfragen erklärte sich jeder vierte Arbeitnehmer sogar bereit, mehr Freizeit durch einen entsprechenden Verzicht auf Einkommen zu bezahlen.

Gäbe es einen Arbeitsmarkt, der diesen Namen wirklich verdiente, bestünde die Möglichkeit, daß es zu einem Ausgleich zwischen denjenigen kommt, die mehr Freizeit haben als sie wünschen (den Arbeitslosen), und denjenigen, die gern mehr davon haben möchten (den Arbeitsbesitzern). Doch wer heute eine bezahlte Beschäftigung hat, muß in der Regel eine starre Arbeitsordnung akzeptieren, die für individuelle Bedürfnisse und Entscheidungen keinen Raum läßt.

Die Einführung der 35-Stunden-Woche, die die Gewerkschaften in den nächsten Wochen nach den Worten von Ernst Breit unter äußerster Nutzung aller tarifpolitischen Mittel erzwingen wollen, würde an diesem starren Prinzip nichts ändern. Den Arbeitnehmern, die mit der gegenwärtigen Arbeitszeit zufrieden. sind, würde zwangsweise mehr Freizeit verordnet, als sie haben wollen; den anderen, die nach mehr Selbstbestimmung über ihre Zeiteinteilung streben, wäre wenig geholfen. Das Ganze erinnert deswegen fatal an die Zeiten der Bezugscheinwirtschaft: Statt dem Markt den Ausgleich von Angebot und Nachfrage zu überlassen, wird das knappe Gut obrigkeitlich zugeteilt. Das bedeutet nach aller Erfahrung: Der Mangel wird zur Dauererscheinungen, nur die schwarzen Märkte blühen – die Schiebermärkte während und nach dem Krieg, die Schwarzarbeit heute.

Als Ludwig Erhard 1948 diesen Unfug an den Warenmärkten mit einem Federstrich beseitigte und die Verteilung der damals knappen Güter einfach der freien Entscheidung von Verbrauchern und Produzenten überließ, war das Entsetzen zunächst groß. Nur in einer geplanten und gelenkten Wirtschaft könnten der verbliebene Wohnraum, die knappen Nahrungsmittel, das dürftige Angebot an Kleidung und allen Gütern des täglichen Bedarfs gerecht verteilt werden, mahnten damals sozialdemokratische Wirtschaftsexperten und Gewerkschaftsvertreter. Und der traurige Anblick von Hausfrauen, die stundenlang anstanden, um pappiges, fades Maisbrot zu ergattern, während ihre Männer versuchten, irgendwo ein paar Briketts aufzutreiben, schien ihnen recht zu geben. Recht behalten aber hat der „Vater des Wirtschaftswunders“, der damals von seinen Kritikern als naiv verlacht wurde.

Doch unbeeindruckt von der Erfahrung, daß der „Mut zum Markt“ fast über Nacht zu einer besseren Versorgung der hungernden und frierenden Bevölkerung führte und die Bundesrepublik schließlich zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt werden ließ, wollen es die IG Metall und ihre Verbündeten auch diesmal wieder mit der Zuteilung des angeblich knappen Gutes Arbeit versuchen. Und die SPD, die ihren historischen Irrtum 1959 mit dem Godesberger Programm korrigierte, ist wieder mit von der Partie.