Von Marion Gräfin Dönhoff

Der Bericht beginnt mit der Schilderung der Nacht des 13. Dezember 1981, also mit jenem Datum, das allen Polen tief eingebrannt ist in Hirn und Herz. Es war die Nacht, in der General Jaruzelski das Kriegsrecht über ganz Polen verhängte.

Wladyslaw Bartoszewski, Generalsekretär des polnischen PEN-Clubs, wurde damals zusammen mit 400 anderen verhaftet, zunächst in ein Gefängnis in Warschau und dann nach Pommern in ein Erholungsheim der Luftwaffe gebracht, wo außer ihm noch etwa 50 Intellektuelle interniert wurden. Das Weihnachtsfest, das Bartoszweski zehn Tage später dort verlebte, war das neunte seines Lebens, das er in Haft verbringen mußte. In seinen skizzenhaften Erinnerungen:

Wladyslaw Bartoszewski: „Herbst der Hoffnungen. Es lohnt sich, anständig zu sein“; mit einem Nachwort von Reinhold Lehmann; Herder Verlag, Freiburg 1983; 144 S., 15,80 DM

schreibt der Sechzigjährige: „Wir waren die erste Generation, die in einem freien Staat zur Welt gekommen ist.“ Er ist, wie er bezeichnenderweise sagt, „drei Jahre nach der Wiederauferstehung des polnischen Adlers also 1922, zur Welt gekommen. In Warschau, wo damals 1,3 Millionen Menschen lebten, war nahezu jeder Dritte Jude. Der Christ Bartoszewski wohnte mit seinen Eltern an der Grenze des christlichen zum jüdischen Teil der Stadt, der eine Art selbsterrichtetes Getto darstellte, weil die orthodoxen Juden aus religiösen Gründen keinen Christen in ihrer Wohngemeinschaft duldeten. In jener frühen Zeit mag seine später immer wieder bewiesene Hilfsbereitschaft den Juden gegenüber wurzeln.

Wladyslaw Bartoszewski war 17 Jahre alt, als am 1. September 1939 die ersten deutschen Bomben auf Warschau fielen. Sehr bald begannen die Polen ihren Staat im Untergrund aufzubauen, mit geheimen Zeitungen und Universitätslehrgängen. Es gab eine Regierung, die von neutralen Staaten und auch vom Vatikan anerkannt war, desgleichen ein Oberkommando der Armee und auch eine eigene Gerichtsbarkeit, die dafür sorgte, daß Verräter, die zum Feind überliefen, liquidiert wurden.

Bei einer SS-Razzia gegen polnische Intellektuelle wurde er im September 1940 verhaftet und mit anderen zusammen im Viehwagen nach Auschwitz abtransportiert, das damals noch ausschließlich für die Vernichtung der polnischen Intelligenz bestimmt war. Dort begann eine Leidenszeit, von der man nur Bruchstücke erfährt: Bei Frost in Holzschuhen, ohne Strümpfe und ohne Handschuhe Ziegel ausladen. Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag ohne Essen im Hof stehen – Folge: Mit Lungenentzündung ins Hospital, elf Tage bewußtlos und schließlich todkrank aus Auschwitz nach Warschau entlassen.