ZEIT: Herr Minister, welchen Stellenwert haben für Sie das Ausländerrecht und die Probleme, die damit zusammenhängen?

Schnoor: Die Anwendung des Ausländergesetzes, des Ausländerrechts ist eine der schwierigsten Aufgaben, die meinen Mitarbeitern und mir gestellt ist. Hier gesetzestreu zu sein, das Rechtsstaatsprinzip zu beachten, alle Menschen gleich zu behandeln und trotzdem nicht unmenschlich zu werden gegen den einzelnen, das ist fast die Quadratur des Zirkels. Dies alles belastet mich menschlich mehr als die übrigen Aufgaben in meinem Geschäftsbereich.

ZEIT: Vermissen Sie diese Sensibilität bei der neuen Regierung?

Schnoor: Ja. Ich habe den Eindruck, daß man meint, mit Anreizen zur Rückkehrförderung die Probleme zu lösen. Die Bundesregierung tut nichts, Verständnis für die Situation unserer ausländischen Mitbürger zu wecken. Die Mehrzahl haben wir zu uns geholt, und sie haben Anspruch darauf, bei uns in Frieden zu leben, auch in Zeiten, in denen es uns etwas schlechter geht. Sie haben einen Anspruch auf unsere Solidarität.

ZEIT: In der Sache hat sich durch den Regierungswechsel nicht sonderlich viel getan, Nuancen, kein qualitativer Sprung, aber der Geist hat sich geändert.

Schnoor: Das kann man wohl sagen. Sicher hat sich in der Sache geändert, daß im Unterschied zur Politik der früheren Regierung die Blickrichtung nicht mehr so sehr auf die Integration gerichtet ist, sondern darauf, wie wir die Ausländer möglichst rasch loswerden.

ZEIT: Der Fall Altun und die elend in Berliner Abschiebehaft Umgekommenen – sind das Fälle, die in diesem Klima erst möglich werden?