Von Christian Schmidt-Häuer

Es war einer jener lauen Sommerabende, an denen Moskau, anders als die meisten Riesenstädte, die Hitze nicht gespeichert hat, sondern sie aus seinen breiten Straßen von einem weit geöffneten Himmel scheinbar absaugen läßt. Doch uns brachte dieser milde Aus klang des 1. Juli 1980 noch keine Erholung. Soeben hatte Helmut Schmidt auf einer Pressekonferenz zum Abschluß seines Besuches bei Leonid Breschnjew die Bereitschaft der Sowjetunion zur Aufnahme von Verhandlungen über Mittelstreckenraketen, vage angedeutet. In hektischem Tempo mußten wir die Bewertung des Besuches in Schreibmaschinen und Fernschreiber stanzen, um dann in den Bus zum Flughafen zu stürzen.

Als sich der Bus in Bewegung setzte, machte unter den abgehetzten Kollegen plötzlich eine Konfektschachtel die Runde. Sie erreichte die sowjetischen Intourist-Begleiterinnen und löste Rufe des Entzückens aus: "Wie sind sie bloß an unsere besten Pralinen gekommen, die wir selbst doch nur ganz selten auftreiben können?".

Der Spender erhob sich mit einer leichten Verbeugung: "Die Pralinen stammen aus dem Werk Roter Oktober, die Schokoladenfabrik hat einst meinem Großvater gehört. Dort habe ich meine Kindheit verbracht. Wenn Sie jetzt nach rechts hinübergehen", der Spender beugte sich vornüber, weil in diesem Augenblick ein starker Verkehr über die Brücke ging, die wir passierten, "können Sie die heutige Fabrik erkennen. Diese Stelle am Fluß hieß in meiner Kindheit Sophien-Ufer, jetzt ist sie nach Maurice Thorez benannt."

Der Spender ließ die Pralinenschachtel noch einmal kreisen und griff zum Reiseleiter-Mikrofon: "Im großen, grauen Häuserklotz hier weiter vorne, da wohnten früher hohe sowjetische Funktionäre, zuletzt übrigens auch Stalins Tochter Swetlana. Ich bin in den dreißiger Jahren ein paarmal in dem Gebäude gewesen es ist das berühmte "Haus an der Moskwa’, in dem Jurij Trifonows gleichnamiger Roman spielt. Einige von Ihnen werden dieses Buch, das die düsteren Jahre und schweren Schicksale während der Säuberungen beschreibt, wahrscheinlich schon kennen. Ich bitte um Verständnis, daß ich eine besondere Vorliebe für Jurij Trifonow empfinde, er beschreibt ja die ganze Gegend dort drüben, in der ich, zwanzig Jahre vor nun, meine Kindheit verlebt habe."