Von Carl Dahlhaus

Thomas Bernhard ist ein Anti-Psychologe, der ständig Themen wählt, bei denen man erwarten könnte, daß ihnen nur mit Psychologie beizukommen sei. Psychologie ist jedoch, um mit Gottfried Benn zu sprechen, „eine Unverschämtheit“, und Bernhard läßt sich niemals darauf ein, eine bestimmte, in Psychologie übersetzbare Deutung dessen, was er schreibend umkreist, zu suggerieren. Die Substanz seines Schreibens ist das Schreiben selbst – als Stil, Manier und Tonfall, und das heißt: als Möglichkeit, Fragen ausfindig zu machen, die unbeantwortbar sind.

In Bernhards Büchern ist oft der Erzähler, obwohl er ebenso verurteilt ist wie die anderen, der einzige Überlebende. Und daß er erzählt, ist der Grund seines Überlebens, so wie umgekehrt die einzige Rechtfertigung dessen, was geschieht, darin liegt, erzählt zu werden.

„Der Untergeher“ ist demnach ein Titel, der über sämtlichen Büchern von Bernhard, auch den autobiographischen, stehen könnte –

Thomas Bernhard: „Der Untergeher“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1983; 244 S., 26,– DM.

Bernhard haßt die Umwelt, an der er seinen Antihelden, den Pianisten und späteren „Geisteswissenschaftler“ Wertheimer (dem er einen Vornamen verweigert), zugrundegehen läßt. Und es ist die Energie des Hasses, die den manchmal seitenlang um wenige Wörter kreisenden Repetitions- und Permutationsstil davor bewahrt, monoton zu wirken.

Aber Bernhard verabscheut, in subtilerer Form, auch das Opfer oder den Sündenbock, und er gibt ihn moralisch preis: Der Tod, den Wertheimer wählt, ist nicht nur abstoßend, sondern erniedrigend kindisch. Er erhängt sich demonstrativ vor dem Haus seiner Schwester, die, nachdem sie jahrzehntelang als Haushälterin von ihm unterdrückt worden war, schließlich in einer „Vernunftehe“ Zuflucht fand.