Über die Bachmeier-Filme

Von Ulrich Greiner

Keine Marktfrau würde sich beklagen, daß ihr Geschäft der Markt ist. Zu den notorischen Metaphern der Kulturkritik, deren Geschäft bekanntlich der Medienmarkt ist, gehört es jedoch, mit einem moralischen Klimmzug auf jenes Podest sich zu schwingen, von dem aus das Elend der Vermarktung verurteilt werden kann. Der Vorgang unterliegt einem sportlichen Konkurrenzprinzip: wer zuerst oben ist, kann am frühesten mit dem Finger auf andere zeigen. Um das zu tun, dazu gehört im Fall Bachmeier wenig Originalität. Auf dem Podest geht es derzeit ganz schön eng zu.

Die Marktfrau handelt mit Äpfeln und Birnen. Die Leute, die den Medienmarkt bedienen, handeln mit Ansichten, Meinungen, Werturteilen, und deren Gegenstand ist nicht bloß die Kunst, sondern auch das Leben, also Menschen und Schicksale. Die Handelsobjekte der Medienleute sind problematischer und verderblicher als die der Marktfrau. Wer jetzt nicht schleunigst zu den Bachmeier-Filmen von Burkhard Driest und Hark Böhm und zu dem anschließenden Skandal-Umfeld sein Urteil abgibt, dessen Stimme geht unter. Deshalb haben die meisten Magazine und Illustrierten über die Bachmeier-Filme geschrieben, ohne sie gesehen zu haben. Schnelligkeit im Journalismus ist Hexerei.

So ist der Markt. Der Kulturkritiker aber will nicht wahrhaben, daß er so ist. Indem er ihn kritisiert, bedient er ihn – und verschafft sich selber zugleich das Gefühl, an ihm nicht teilzuhaben. Dieser Trick ist sein Geschäft. Denn im Grunde weiß er, daß es ohne den Markt all das nicht gäbe: weder die Presse noch das Fernsehen, weder Bücher noch Filme, und ihn selber auch nicht. Besäßen die moralischen Kategorien, die er beschwört, universale Geltung, dann könnte er seinen Laden dichtmachen, und Öffentlichkeit, dieses obskure Objekt der Begierde, dieses legitime Kind neuzeitlicher Demokratie, existierte nicht.

Reinlichkeitsdenken ist also vergleichsweise billig zu haben. Etwas teurer wäre es, sich einzugestehen, daß der Werbespruch für Driests Film „Annas Mutter“ so falsch nicht ist und womöglich für einen selber zutrifft: „Millionen Deutsche erschütterte das Schicksal von Marianne Bachmeier.“ Die Frau, die am 6. März 1981 den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoß, hat uns aus Gründen interessiert, die nicht deshalb verwerflich sind, weil sie hohen Idealen nicht folgen. Marianne Bachmeier war das, was man eine gutaussehende Frau nennt, eine attraktive, öffentlichkeitswirksame, schillernde Persönlichkeit mit mancherlei Identifikationsmerkmalen, und ihre Tat stillte jenes verbreitete, vom Prozeß der Zivilisation keineswegs aufgehobene Bedürfnis nach Rache, das wahrscheinlich niemandem von uns fremd ist.

Der begründete Verzicht auf persönliche Rache, den uns der Rechtsstaat abnötigt, nährt in uns eine größere Enttäuschung, als uns zumeist bewußt ist. Sie entlädt sich in einer Tat wie der Marianne Bachmeiers. Die öffentliche Erregung steigerte sich durch die seltene Klarheit der Umstände: der Kindesmörder Klaus Grabowski, ein zerstörter, kranker Mann, nicht zuletzt auch ein Opfer nachlässiger, fahrlässiger, verantwortungsloser Behörden und Ärzte, stand als Täter zweifelsfrei fest. Seine Tat war ganz offenkundig ein schreckliches Unrecht, das irgendeine Reaktion erzwang: Heilung, Wiedergutmachung, Strafe, Rache.