Computer lösen keine Bildungskrise

Von Ludwig von Friedeburg

Nun hat 1984 wirklich begonnen. Kein Datum wurde wie dieses zum Symbol für die Gefahren des technischen Fortschritts, der „große Bruder“ zur Herausforderung für Bildung und Erziehung im technischen Zeitalter. Doch spielt in Orwells 1949 erschienenem Buch die Technik nur eine Nebenrolle. Thema des englischen Schriftstellers ist die totalitäre Herrschaft von Menschen über Menschen. Der nationalsozialistische und der stalinistische Terror prägten seine Anschauung. Gegen beide hatte er als unabhängiger Sozialist in Spanien vergeblich gekämpft. Wider die Angst, Diktaturen dieser Art würden die Zukunft bestimmen, schrieb er die „Farm der Tiere“ und „1984“. Die Welt teilen sich drei Großreiche. Zwischen ihnen herrscht immer Krieg. Atomare Vernichtungswaffen wären zu riskant. Es geht nur in der Propaganda um den Sieg. Der Krieg dient vielmehr zur Unterdrückung der eigenen Untertanen. Er schöpft die Arbeitsproduktivität ab, um den Lebensstandard gering zu halten, macht Wirtschaft und Wissenschaft zu Instrumenten der Diktatur.

Keine schöne neue Welt also, geschweige denn die beste aller möglichen, sondern ein System von Polizeistaaten, deren jeder seine Bürger ständig kontrolliert. Überall Fernsehüberwachung: „Der große Bruder sieht dich an!“ Überall Kriegspropaganda mit Haßtiraden und Marschmusik. Geschichte ist dadurch ausgelöscht, daß sie ständig umgeschrieben wird. In der neuen Art zu sprechen und zu denken verkehrt sich jeder Sinn: „Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.“

Gegen diese Vision allgemeiner Diktatur durch unmittelbare Gewalt ist früh eingewandt worden, sie hätte keinen Bestand, so oft auch Militärjuntas und Parteifunktionäre es wieder versuchten. Dauerhafte Herrschaft, lehrt die Erfahrung, braucht die Zustimmung der Beherrschten, den Glauben an die Legitimität, wie Max Weber es formulierte. Ein anderer Engländer, Aldous Huxley, hatte schon am Anfang der dreißiger Jahre seine negative Utopie als „Schöne neue Welt“ präsentiert, nicht minder erschreckend, gerade weil sie den Schrecken entbehrlich erscheinen ließ. Er schrieb 1949 im Vorwort zur zweiten Ausgabe; „Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre einer, worin die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrschen, die gar nicht gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Ihnen die Liebe zu ihr beizubringen, ist in heutigen totalitären Staaten die den Propagandaministerien, den Zeitungsredakteuren und Schullehrern zugewiesene Aufgabe. Aber deren Methoden sind noch immer plump und unwissenschaftlich.“

Auf Alpha-plus genormt

Huxley „erfand“ bessere Methoden, um zu zeigen, was in Zukunft geschehen könnte, wenn wir es nicht zu verhindern vermögen. Ihn interessierte weniger der wissenschaftliche Fortschritt in der Physik und Chemie, der Umgang mit der Materie, sondern vielmehr die Manipulation des Lebens durch die Anwendung der Ergebnisse physiologischer und psychologischer Forschung. Vor allem beschäftigte er sich mit dem heute hochaktuellen Thema der Gentechnologie. Für die schöne neue Welt werden die Menschen in der Retorte hergestellt, genau nach Maß für ihre späteren Aufgaben in der industriellen Produktion und Verwaltung, streng unterschieden in Kasten verschiedener Intelligenz und Begabung, von Huxley mit den griechischen Buchstaben Alpha bis Epsilon markiert. Alpha-plus ist die Führungselite, aus der sich die Weltaufsichtsräte rekrutieren, die Epsilon-minus-Geschöpfe stellen die unterste Schicht der Handlanger. In ihrer Kindheit werden sie dementsprechend psychologisch konditioniert. Den einen „normt“ man verläßliche Reflexe an, die anderen, weil sie sich nicht berechnen lassen, besuchen Elite-Internate. Diese Welt kommt ohne Krieg aus. Die Geschichte braucht nicht umgeschrieben zu werden; sie löscht sich von selbst aus. Perfekte Arbeitsteilung garantiert die Versorgung. Für das Wohlbefinden sorgen die biologische und psychologische Ausstattung, für das Glück bekömmliche Drogen. „Ein einziges Konzentrationslager“, bemerkt Adorno, „das, seines Gegensatzes ledig, sich fürs Paradies hält.“