Von Gerd Helbig

Beirut, im Januar

Um Issam, eine noch junge Libanesin, genießt einen beachtlichen Ruf als Wahrsagerin. Über einige Seiten in Beiruts Wochenzeitschrift Monday Moming stellte sie dem Libanon das Horoskop für das neue Jahr: Es bringe den Anfang vom Ende der Krise; ein Erdbeben werde es nicht geben. So ganz überzeugt vom kommenden Frieden scheint Um Issam jedoch nicht zu sein. Vorsichtshalber gibt sie ihre Voraussagen in Zyperns Hafenstadt Limassol ab, wo sie sich niedergelassen hat. Diese Vorsicht teilt sie mit Tausenden von Libanesen, die keine Wahrsager sind, viele darunter mit Flüchtlingsstatus und internationaler Unterstützung, viele aber auch mit wohlgepolsterten Brieftaschen. Denn in dem zerrütteten Libanon ist nicht alles pures Elend.

Seit dem Kriegsausbruch von 1975, so haben die Redakteure eines arabischen Magazins errechnet, hat sich die Zahl der Millionäre von 1529 auf 4523 erhöht. Und das, obwohl das libanesische Pfund in dieser Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs erstaunlich wenig an Wert verloren hat. Es sind also keine Inflationsmillionäre. Man kann auch gut verdienen in schlechten Zeiten: an Waffen, am weiterhin blühenden Haschisch-Handel, an überhöhten Preisen für lebensnotwendige Güter in Notlagen, an unverschämten Mietforderungen für möblierte Wohnungen an Flüchtlinge aus den Bergen, an sündhaft teuren Schiffspassagen, sobald der Flughafen geschlossen ist – kurzum, indem man die eigenen Landsleute gehörig ausnimmt.

Der normale Libanese aber ist – nach acht Jahren Krieg – psychisch und wirtschaftlich am Ende; er ist deprimiert, ja depressiv geworden. Er ist inzwischen ohne Hoffnung.

Zum Beispiel Tripolis, jene geplagte Großstadt im Norden des Libanon: Als Jassir Arafat Ende Dezember mit 4000 Kämpfern die Hafenstadt verließ, atmeten selbst jene Libanesen auf, die auf seiner Seite gestanden hatten. Nur wenige Tage nach dem Abzug aber gingen sich die Milizen wieder an die Kehle. Wieder ratterten die Rollläden der Geschäfte herunter, flüchteten die Tripolitaner in ihre Keller. Jetzt wurde um das Machtvakuum gefochten, das die Palästinenser hinterlassen hatten; auch gab es alte Rechnungen aus der Arafat-Zeit, die beglichen wurden. Zum Beispiel Beirut; Seit Monaten herrscht eine abendliche Ausgangssperre, Sie gilt für die ganze Stadt, strikt eingehalten wird sie aber nur im moslemischen Westteil. Die Armee wacht darüber – aber wie? In einer einzigen Nacht jedenfalls ließen skrupellose Attentäter ihre Sprengladungen vor sechs verschiedenen Läden hochgehen. Im christlichen Ostteil lebt man, als sei nichts geschehen. Völlig ungeniert wird im Rundfunk und in Zeitungen für Abendveranstaltungen in Kinos, Restaurants und Showtheatern geworben. Solidarität wird im Libanon klein geschrieben.

Etwas anderes ist es mit den ständigen, überraschenden Stromsperren – da wird der Ärger gleichmäßig verteilt. Vor jedem dritten Geschäft steht mittlerweile ein kleiner Generator. Böse Zungen behaupten, es gäbe die Stromsperre nur, weil ein findiger Geschäftsmann eine Riesenladung japanischer Kleingeneratoren gekauft habe.