Vor gut achtzig Jahren war dort, wo sich heute die westafrikanische Millionenstadt Abidjan mit ihren großen Boulevards und Plätzen ausbreitet, dichter, grüner Urwald: Drei französische Offiziere entdeckten 1898 die malerischen Inseln, Halbinseln und Lagunen am Golf von Guinea, nur wenige hundert Kilometer nördlich vom Äquator. Zwischen den mächtigen Palmen lebten ein paar Fischer; einen von ihnen – so geht die Mär – fragten die Entdecker nach dem Namen des schönen Platzes. Er antwortete, weil er kein Französisch verstand, in der Sprache der Ebrié: „T’chan m’bi djan – ich sammle hier Blätter“ – worauf die Offiziere zufrieden nach Paris meldeten, sie hätten „Abidjan“ entdeckt. Für die Ebrié begann damit die Kolonialzeit.

wer heute vom Hotelfenster auf die Wolkenkratzer-Silhouette von Abidjan schaut – dem Manhattan Westafrikas –, kann sich die Urwald-Idylle um die Jahrhundertwende kaum mehr vorstellen. Die Metropole der Elfenbeinküste ist zur elegantesten Stadt im Westen des Kontinents gewachsen: In den modernen Bungalows der Villenviertel leben – beschützt von Wächtern – reiche Afrikaner und Franzosen. In den eleganten, gläsernen Hochhaustürmen arbeiten erfolgreiche afrikanische Geschäftsleute, die nicht selten ihr Metier an der Pariser Sorbonne, in Harvard oder in Oxford erlernt haben. Vor dem Luxushotel „Ivoire“ stehen die Mercedes und BMW der Jeunesse dorée des Landes: Am Abend trifft man sich dort zum Tennis.

Unter französischen Afrikatouristen und deutschen Kaffee- und Kakaohändlern ist die Elfenbeinküste schon lange als luxuriöses Reiseziel bekannt. Und auch aus den umliegenden afrikanischen Ländern – besonders aus Nigeria – fliegen Geschäftsleute gerne für ein Wochenende zur Erholung, zum Golfspielen und Amüsement nach Abidjan. Das seit 1960 von den Franzosen unabhängige Land liegt zwischen den wesentlich ärmeren Ländern Liberia, Guinea, Mali, Obervolta und Ghana wie eine Oase des Reichtums und der Ruhe. Nicht umsonst rühmt sich der 77 Jahre alte Staatspräsident Felix Houphouet-Boigny, wohl einer der wenigen afrikanischen Politiker zu sein, die ihr Land unbekümmert für einige Monate verlassen können, ohne gleich einen Umsturz befürchten zu müssen.

Abidjan, in dem heute mehr Franzosen leben als zur Kolonialzeit, verbirgt jedoch hinter dem Gesicht einer modernen westlichen Hochhaus-Stadt immer noch ein traditionelles afrikanisches Leben: Nur wenige Schritte von den prachtvollen Gärten des Luxusnoteis „Ivoire“ leben zum Beispiel die Fischer in den Hütten von Blokosso. Wenn sich die Gäste abends im Dachrestaurant des Hotels an norwegischem Lachs, frischen Langusten, aus Frankreich eingeflogenem Frisee-Salat, an Mango-Eis, Papaya und saftigen Ananas erfreuen, brodelt unten im Dorf in großen Kesseln der Maniok-Brei.

Auch der Besucher kann neben den eleganten Nachtclubs, den amerikanischen Snackbars und den französischen und libanesischen Restaurants der Stadt in einheimischen Restaurants dieses urafrikanische Gericht oder andere Spezialitäten probieren: In schweren Eisentöpfen schmoren dort Karpfen aus den Lagunen im Saft von Tomaten. Man serviert ein Ragout vom agouti, einer wildlebenden Ratte (die allerdings mehr einem Wildschwein ähnelt), bangui – den Palmenwein – oder koutoukou – einen starken Schnaps.

Während die Afrikaner von ihren traditionellen Stadtteilen Treicheville und Adjamé in die sterilen Appartements und Bungalows der Nobelquartiere ziehen, bummeln die Europäer fasziniert durch jene Viertel von Abidjan, in denen noch das bunte afrikanische Leben herrscht: In leuchtenden Gewändern und mit viel natürlicher Anmut schlendern dort die Frauen vom Einkaufen zurück zu ihren kleinen Häusern – auf dem Kopf einen Korb, den Regenschirm oder gar eine Nähmaschine balancierend. Handwerker arbeiten vor ihren Häusern an Peddigrohrmöbeln oder brennen Ziegel, Schilder an kleinen Wellblechhütten versprechen Haute Couture.

Auf den Märkten zerren die Händler mit Vorliebe Touristen in ihre Stände. Nichts ist schöner, als mit einem langen Palaver um den Preis eines kleinen Elfenbeinarmreifes zu feilschen – sei er nun alt oder neu, echt oder unechte Auch farbenprächtige Batiktücher, Holzmasken und -statuen, schaurig-schöne Bilder aus schillernden Schmetterlingsflügeln und kleine Messingfigürchen werden hier zwischen den Hochhäusern feilgeboten – in buntem Durcheinander mit stinkenden Fischen, Schweinehälften, Avocados, Ananas und den selbst im tiefsten Urwald noch so beliebten