Jeder kunstsinnig Reisende besichtigt in Verona San Zeno, in Pisa den Dom. Aber wer kommt schon nach Gnesen, nach Nowgorod gar oder auch nur nach Apulien. „Die Bronzetüren des Mittelalters“ jedoch, die noch erhalten sind, befinden sich zum guten Teil eben dort. In einer mustergültig aufgebauten Bilddokumentation über „Die Bronzetüren des Mittelalters“ (Hirmer Verlag, München, 1983; 422 Seiten, 220 Schwarzweißabbildungen auf 190 Tafeln, dazu 36 in Farbe und 127 Photos im Text, 178,–DM) hat Ursula Mende all die weit gestreuten Zeugnisse der im Erzguß beredt gewordenen Reliefkunst jener Zeit kundig zusammengetragen. Die runden Zahlen „800 bis 1200“ sind nicht willkürlich, sie geben Sinn. Zu Beginn dieser Epoche lebte die seit der Antike fast vergessene Kunst wieder auf: zunächst im Aachen Karls des Großen, rund zweihundert Jahre später in Mainz, zumal aber in der Hildesheimer Bernwardstür, dann in Augsburg. Magdeburg, von wo die bis nach Nowgorod verschlagene Tür stammt, war ein Hauptplatz der Bronzegießerei, ehe sich der Schwerpunkt der Gußkunst nach Italien verlagerte, Sizilien einbezog (Palermo, Monreale), besonders aber Apulien, das allein eine Reise wert ist, um die Türen im architektonischen Kontext und Umfeld zu bewundern: Canosa, Troia, Trani. Die wohl bald nach 1200 fertig gewordene Tür von Benevent ging 1943 mit der Zerstörung des Doms in Trümmer. Die Fragmente lassen die Größe dieses bis zum Rinascimento letzten bedeutenden Gußwerks erahnen. Wer diesen Band zur Hand nimmt, dem mag es angesichts der Qualität der von Albert un Irmgard Hirmer, wo es immer ging, neu geschaffenen, schon technisch das Überkommene übertreffenden Aufnahmen ähnlich gehen wie einem – pardon: Zuschauer in einer Sportsendung des Fernsehens: Hier hat er mit Muße in toto und en détail, was er vor Ort so deutlich nie in den Blick bekommt; und: Die Replays für jedes Tor aber kann er selber bestimmen. Ursula Mende hat in diese, bisher nicht so vorhandene, nun zwar auf unabsehbare Zeit gültige Vorstellung des Bestands kostbarer Gußkunstwerke ihre reiche Kenntnis eingebracht: die verschiedenen Gießverfahren erklärt, das Verhältnis von Modelleur und Gießer beschrieben, die historischen und stilgeschichtlichen Zusammenhänge erläutert, die ikonographischen Muster dargestellt, Fragwürdiges in Deutung und Datierung behutsam abgewogen. So darf das Ganze mit seiner klaren Gliederung, der sorgfältigen Bibliographie, der Profilierung herausragender Künstler oder Werkstätten als ein den Preis, rechtfertigendes Vademecum für den Liebhaber mittelalterlicher Kunst und als inspirierendes Arbeitsbuch für den Spezialisten gelten.

Rino Sanders