Gedicht der ZEIT

Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzend und aus dem Zugfenster schauend, so stelle ich mir Peter Hamm vor, wie er die Welt entschwinden sieht und die Religionen versteht, sicher ganz plötzlich. Wer da bloßen Sarkasmus heraushört, hat noch keine Reise so intensiv erlebt, daß er in seinem Bewußtsein ein Vakuum hätte entstehen fühlen, eine grenzenlose Leere, aus der alles Wirkliche entwichen ist! Indem Orte und Landschaften zurückbleiben, bewegt man sich, bewegungslos selber, in einen Bereich, der so ungewiß ist wie das Jenseits. Wenn das Auge zugleich noch Wiesen und Zaunpfähle wahrnimmt, geschieht das in Distanz zum Augenblick, zur gegenwärtigen Existenz der Dinge und ihrer Wahrnehmung. Das Ich im Zugabteil befindet sich ganz anderswo; es schwebt durch die Zeit, wo sie stehengeblieben ist, und es verharrt, wo sich angesichts einer schiefen, zertretenen Grasfläche, die Zeit ausdehnt, eine Erinnerungsphase lang, in der Stimmen einen Nachmittag länger durchdringen, als es dauert.

Reisen; Passagen durch einen Zustand der Halluzinationen, in dem nichts fremder erscheint als eine Vorstellung von konkretem Zurück, von Rückkehr. Von Umkehr auch? Eine Reise ist mehr als die Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels; wer sie antritt, mag ihr Ziel kennen, nicht aber einen Verlauf, ihren Ausgang. Wer reist, überläßt sich einer vorläufigen Unvermeidbarkeit. Er fährt ins Unglück, ins Glück. Er verläßt etwas; er tut genau das Richtige, das genau Falsche; er bewegt sich ins Verhängnis, ins neue Leben; er vollzieht seine subjektive Geschichte. Wer jetzt Umkehr sagt und nicht Rückfahrkarte meint, möchte das Rad der Geschichte anhalten, zurückdrehen, alles noch einmal bedenken, noch einmal von vorn anfangen, Fehler vermeiden, Ursachen suchen, Erfahrungen anwenden, die Welt nicht entschwinden, sondern veränderbar sehen. Geht das? Will ich das? Kann ich das? Niemals, und dennoch: wir versäumen sonst unsere Rettung. Jürgen Becker

Peter Hamm lebt, wo er 1937 geboren wurde, in München, bekannt alt Essayist, Kritiker, Anthologist und Fernsehautor. Im Verlag Carl Hanser erschien 1981 sein Gedichttand „Der Balken“.