Bei der Vorschau auf wichtige Ausstellungen deutscher Museen und Kunstvereine, die wir auch in diesem Jahr wieder zusammengestellt haben (siehe Seite 35), fällt vor allen Dingen eins auf: so viel Kunst aus eigenen Beständen wie in diesem Jahr hat es schon sehr lange nicht mehr zu sehen gegeben, vielleicht überhaupt noch nicht, seit Kunst, wie alles andere auch, international geworden ist und Künstler zum Jet-set dazugehören.

Das Jahr der deutschen Kunst: damit meine ich nicht die große Beckmann-Retrospektive (und die anderen kleineren Beckmann-Ausstellungen), auf die wir uns freuen dürfen, veranstaltet zur Feier seines 100. Geburtstags am 12. Februar (sie wird in München und Berlin zu sehen sein). Ich meine auch nicht die Rekonstruktion der berühmten Kölner Werkbundausstellung von 1914 oder den interessanten Versuch, in Wuppertal und Essen Kunst und Industriekultur der Jahre 1900-1914 zu zeigen, nicht die „Expressionistische Skulptur“ in Köln (die erste Ausstellung über dieses Thema überhaupt) oder die Stuttgarter Ausstellung „Künstler in Deutschland 1900-1945“.

Ich meine damit vielmehr und zum Beispiel den von Wulf Herzogenrath, dem Leiter des Kölnischen Kunstvereins, initiierten Versuch, die derzeitige deutsche Kunstlandschaft in einer Art von Gastspielserie vorzuführen; dabei ist das Aparte an dieser Idee, daß die Gastgeber die Auswahl treffen: so präsentiert also der Hamburger Kunstverein seine Sicht der Kölner Szene, Bonn wählt die Münchner Künstler aus, München die Frankfurter, Stuttgart die Berliner und so weiter. Damit aber nicht genug: die Lübecker Overbeck-Gesellschaft zeigt „Künstlerinnen aus dem Raum Köln–Bonn-Brühl“ (heißt das, daß sie in den anderen Ausstellungen nicht vorkommen?), die Kestner-Gesellschaft hat ihrerseits eine Ausstellung „Neue Malerei Berlin“ geplant. In Düsseldorf wird die Ausstellung „Aufbrüche – Kunstentwicklungen in der ersten Hälfte der 60er Jahre“ zu sehen sein, in Duisburg, wo man der Skulptur besonders verpflichtet ist, „Dreidimensional – deutsche Bildhauer der Gegenwart“, und München zeigt „Zwischenbilanz – neue deutsche Malerei nach drei Jahren“ (was nur für den kurios klingt, der noch nicht weiß, daß die neuen deutschen Bilder in Ackordarbeit produziert werden). Und im September wird dann Kasper König (er machte mit Laszlo Glozer 1981 die große Ausstellung „Westkunst“ und war einer der Bewerber um die Leitung der documenta 8) mit einer selbstgegründeten „Gesellschaft für aktuelle Kunst“, die Ausstellung „Die neue deutsche Kunst“ zeigen.

Für die Größe des Unternehmens (bei dem auch Werner Schmalenbach Mitverantwortung tragen wird) spricht der Veranstaltungsort: die Düsseldorfer Messehallen. Und spätestens hier und dann wird man fragen dürfen: ist die deutsche Kunst von heute nun ein originales Produkt oder eher eine flächendeckend quadratkilometergroße Konvention?

Natürlich wird es darauf keine pauschale Antwort geben. Aber auf einmal stellt es sich heraus, wie gewinnbringend es ist, daß auch in diesem Jahr die Rückblicke auf die sechziger Jahre, auf den Werkbund, Beckmann und die expressionistische Skulptur zu sehen sein werden. Natürlich haben die Jungen mit den Altvorderen nichts zu tun – auch wenn diese auch einmal genauso jung und widerspenstig waren und auch, wenn man in vielen neuen Bildern die alten Motive von Kirchner, Beckmann und den anderen auf Schritt und Tritt wiedererkennt. Andererseits macht die Tatsache, daß Jiri Dokoupil (Jahrgang 1954) nach eigener Angabe bereits über 500 Bilder produziert hat (nicht zu reden von denen, die in Teamarbeit mit Walter Dahn entstanden sind), diesen noch nicht zum bemerkenswerten Künstler (Beckmann hat nach fünfzig Schaffensjahren „nur“ knapp 850 Bilder hinterlassen, aber er brauchte ja auch für die letzte Überarbeitung eines „Argonauten“-Kopfes 19 Stunden). In jedem Fall wird man in diesem Jahr ganz gut darüber informiert werden, wo die Kunst ist und wo der Markt und die Prätention, wo die Selbstbefragung und wo die Nabelschau.

Petra Kipphoff