Aufstieg und Sturz des einsamen Generals

Von Nina Grunenberg

Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Fitneß-Triebe, verzichtete Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner am Dienstag auf seinen täglichen Waldlauf. Statt dessen saß er um sechs Uhr in der Frühe am Schreibtisch und trug Aktenberge ab. Für Routine hatte ihm die Affäre Kießling an seinem ersten Arbeitstag nach dem Weihnachtsurlaub keine Zeit gelassen. Vier Tage lang hatte sie ihn schon in seinem Schweizer Ferienort beschäftigt.

Der Fall des Vier-Sterne-Generals Günter Kießling, den er im Dezember ohne Angabe von Gründen vorzeitig in den Ruhestand schickte, hat den Minister mitgenommen. Wie sehr, das konnte ihm die Nation am Montag abend im Fernsehen vom Gesicht ablesen. Sichtlich gezeichnet und mit belegter Stimme antwortete der sonst so hochgemute, wenn nicht sogar hochfahrende Mann, er habe „keine Wahl“ gehabt, der General sei ein „Sicherheitsrisiko“ gewesen. Gründe nannte er nicht. „Ich habe die Entscheidung getroffen, die nach Lage der Dinge unumgänglich war.“

Hat Wörner sich nichts vorzuwerfen? Im internen Kreis befand der Minister bitter, wenn er einen Fehler gemacht habe, dann höchstens den, daß er zuviel an Kießling gedacht habe. Wörner kannte den General seit Jahren gut. Er hielt etwas von ihm. Er hatte ihn vor dem Regierungswechsel schon in seinen persönlichen Beraterkreis geholt, hatte ihn privat in die eigene Familie eingeladen, sich einmal von ihm auch während einer Kur besuchen lassen. Vorübergehend hatte der Minister wohl auch erwogen, Kießling zum Generalinspekteur zu ernennen. Seine Entscheidung im Dezember machte er sich deswegen nicht leicht. Mindestens so sehr wie die persönliche Enttäuschung wurmt Manfred Wörner der in der Öffentlichkeit entstandene Verdacht, hier habe der Minister den Amerikanern einen deutschen General geopfert In Wahrheit hatte er Kießling monatelang gedrängt, seine Streitigkeiten mit dem Nato-Oberkommandienenden, dem US-General Bernard Rogers, mindestens bis zum Frühjahr 1984 durchzustehen.

Die Versuche des Ministers, die Affäre Kießling, wenn es denn eine ist, bürokratisch leise zu applanieren und menschlich anständig zu Ende zu bringen, waren wahrscheinlich von Anfang an aussichtslos. Günter Kießling ist nicht irgendein kleiner Bürokrat; er ist einer der drei ranghöchsten Generale, die die Bundeswehr hat, und bekleidete bis zum 31. Dezember des vergangenen Jahres als Stellvertreter des Nato-Oberbefehlshabers einen der beiden wichtigsten Posten, die wir Deutschen in der Nato innehaben.

Im September vergangenen Jahres gingen dem Ministerium zum ersten Mal Hinweise über Kießlings Privatleben zu. Die Quelle liegt im dunkeln. Offenbar hieß es, der General bewege sich im Kölner Homosexuellen-Milieu – in einer Szene, die nicht nur durch ihr schräges Lokalkolorit berühmt ist, sondern auch wegen ihrer Abgründe berüchtigt. Die Kölner Kriminalpolizei, die dann die Untersuchungen aufnahm, hat die einschlägige Kundschaft seit langem besonders fest im Blick. Sie führte auch die Ermittlungen, nicht der Militärische Abschirmdienst.