Im Rückblick Mit noch ein Umstand auf: Der Marschall-Stab, den offenbar jeder deutsche Generalstäbler in seinem Besitz wähnt, wurde Günter Kießling, kaum war er als stolzer Vier-Sterne-General im Nato-Hauptquartier in Casteau angekommen, sofort aus dem Tornister genommen. Ein Blick scheint Bernard Rogers, dem amerikanischen Oberbefehlshaber genügt zu haben, um nach Bonn zu signalisieren, daß er Kießling für eine krasse Fehlbesetzung hielt. Kießling hielt den Stellvertreterposten offenbar für eine nicht minder krasse Fehlkonstruktion. Wer auf diesem Stuhl sitzt, ist auf den guten Willen und die Freundlichkeit des Oberbefehlshabers angewiesen, denn verlangen kann er nichts. Das ging gut bei dem ersten Deutschen, der auf den Posten geschickt wurde, General Gerd Schmückle. Am Dienstag schrieb er zu diesem Thema in der Süddeutschen Zeitung lapidar: „Kreativität, Aktivität und Selbständigkeit sind gefragt. Wer nichts davon hat, wird aufs Abstellgleis geschoben. Dort darf er auf seinen Posten schimpfen. Niemand hört zu.“

Kießlings Machtgefühl blieb in Casteau unbefriedigt. Seine persönlichen Spannungen mit Rogers, die auch im autoritären Charakter der beiden Herren begründet waren, führten zu einem Konflikt, der mühsam unter der Decke gehalten wurde und dort um so verheerender schwelte. Jedem deutschen Nato-Offizier in Casteau wurde der generelle Dissens, der zwischen den deutschen und den amerikanischen Positionen liegt, schon in der täglichen Routine vor Augen geführt. Konfrontiert mit den Leistungen, die die Amerikaner von ihnen verlangen, und den Mitspracherechten, die sie ihnen verweigern, schwankten die Deutschen tagtäglich zwischen Zurückhaltung und persönlicher Kränkung – eine Atmosphäre, die viele als belastend empfanden.

Da Kießling die löbliche Bescheidung seines Vorgängers Admiral Luther fehlte, der sich auf dem Golfplatz tröstete und gut essen ging, bat er in Bonn schon bald um eine andere Verwendung.

Beim Regierungswechsel machte er sich Hoffnungen auf den Posten des Generalinspekteurs. Wörner entschied sich jedoch dafür, den schon von seinem Vorgänger Apel ausgewählten Wolfgang Altenburg zu bestätigen. Kießling wäre auch gerne Oberbefehlshaber Europa-Mitte geworden – den höchsten Kommandoposten, den die Deutschen in der Nato haben. Aber auch diese Stelle war schon besetzt. Weitere Verwendungen gibt es im Stellenkegel der Bundeswehr für einen Vier-Sterne-General nicht. Schon deswegen bat ihn Minister Wörner, die Geschichte noch für einige Zeit durchzuhalten. Dafür versprach er ihm offenbar, seiner frühzeitigen Pensionierung nichts in den Weg zu legen. Als diese Gespräche geführt wurden, war dem Minister noch kein Hinweis auf Kießlings Lebenswandel bekannt.

Opfer ohne Sinn?

Nach einem peinlichen Auftritt mit General Rogers, den Kießling offenbar in der verzweifelten Hoffnung provozierte, sich doch noch durchzusetzen, sanken seine Kontakte zum amerikanischen Oberbefehlshaber auf ein wortloses Schriftlichkeitsverhältnis. „Rogers sichert seine Schriftso präzise ab“, so ein Eingeweihter, „daß es eine Dummheit ist, ihn anzugreifen.“ Und ein anderer meinte: „Wer Rogers jemals in seinem Büro am Schreibtisch sitzen sah und mit seiner schönen Stimme selbstvergessen singen hörte: ‚That’s my way...‘, der weiß, daß er mit einem Vizekönig zu tun hat, gegen den er nicht gewinnen kann.“

So klug war Kießling nicht, aber soviel vorausblickende Menschenkenntnis und politischen Instinkt hatten auch die Verantwortlichen auf der Hardthöhe nicht. Beispielhaft deutlich machte das Wörners unglücklicher Pressesprecher, der Oberst Jürgen Reichardt: Durch sein süffisant beredtes Schweigen in der Bonner Pressekonferenz öffnete er erst alle Schleusen der Gemeinheit und stachelte den Berufsehrgeiz der Journalisten noch richtig an. Inzwischen ist ein hoher General erledigt, ein Nato-Posten in Mißkredit gebracht und ein Minister in Mitleidenschaft gezogen – lauter Opfer, die dennoch nichts zur Wahrheitsfindung beitrugen.