Elisabeth Lenks Buch „Die unbewußte Gesellschaft“

Von Marken Stoessel

Es gibt Lieblinge noch unter den Lieblingsbüchern. Derart lieb ist mir Ernst Penzoldts „Squirrel“: Ein junger herumvagabundierender Mann, eben Squirrel, was im Englischen Eichhörnchen heißt, bringt einer durch ihr Elend vom Selbstmord bedrohten Familie für eine kurze Weile Lebensfreude ins Haus.

Er tut dies durch sein gänzlich asoziales, anarchisches Wesen, das ihn unfähig sein läßt zu jeglicher nützlicher, geldbringender Arbeit. Man weiß nicht, woher er kommt, doch scheint er viel herumgekommen, er ist freundlich, ja zärtlich zu allen, doch die üblichen Formen und Normen des sich Einordnens, Fügens, Anpassens, all die moralischen Forderungen und Wertungen unserer Gesellschaft versagen an ihm. Squirrel besitzt nichts und wirkt doch reich, denn er strahlt etwas aus, was die anderen nicht haben, verloren haben, was ihre Sehnsucht weckt – und darum, zur eigenen Verwirrung, liebt man ihn. Besonders mögen ihn die Kinder, mit denen er seine immer freie Zeit verspielt, und freilich auch die Mädchen, mit denen er allseits flirtet. Er ist ebenso amoralisch wie arglos, doch diese Arglosigkeit ist seine Schwäche. Denn gegen die ewigen Spießer, denen solch sorglos zweckfreies, scheinbar unnützes Dasein ein Dorn im Auge ist, gegen ihre Mißgunst, ihren Neid, ihr Übelwollen ist er nicht gefeit. So wird ihm, was auf der einen Seite seine gewinnende Begabung, sein kindlich spielerisches Genie, sein liebenswürdig friedfertiges Wesen ist, auf der anderen Seite zum Verhängnis. Plötzlich spürt er’s, spürt, was ihm von jenen droht, erschrickt tief, fast tödlich – und flieht, entschwindet wieder und wandert, so bleibt zu vermuten, weiter, ohne Bleibe, ohne Ziel.

An diese wunderbare Erzählung mußte ich denken, als ich das erste Kapitel über den „göttlichen Schelm“ las, mit dem Elisabeth Lenk, Literatur-Professorin in Hannover, ihr schönes, gewichtiges, in mancher Hinsicht auch problematisches Buch beginnt:

„Die unbewußte Gesellschaft – Über die mimetische Grundstruktur in der Literatur und im Traum“; Verlag Matthes und Seitz, München, 1983; 405 S., 48,– DM.

In diesem einführenden Kapitel, das „Der Schelm oder die anarchische Struktur des Unbewußten“ überschrieben ist, erzählt die Autorin den von dem Ethnologen Paul Radin aufgezeichneten „Schelmen-Mythos“ der Winnebago-Indianer, der ihr als Beispiel gilt für die tragische und skandalöse Geschichte der menschlichen Subjektivität im Prozeß ihrer Sozialisation und Bewußtwerdung, in ihrer fortschreitenden (Selbst-)Erkenntnis. Denn der Schelm, den die Indianer noch, in ihren Kulten verehren, ist eine anarchische, ungezähmte, jenseits von Gut und Böse angesiedelte Gestalt. Er kennt sich selber nicht, weiß kaum sein Geschlecht und seinen Namen, ohne einen festen Wohnsitz wandert er ziellos über die Erde.