Von Christel Hofmann

Leibeigene waren sie, die Kirner – mit dem „Libe eigen“ – bis zum 1. Jenner 1600. Mit viertausend Gulden erkauften sie sich ihre persönliche, wirtschaftliche und rechtliche Freiheit und waren damit auch fürstliche Ansprüche auf das Recht der ersten Nacht los. Und auch verkaufen konnte die Kirner nun kein Fürst in Geldnöten mehr. Frondienste aber leisteten sie ihren Fürsten noch fast zweihundert Jahre lang weiter: Handdienste in Wald und Feld die ärmeren, Spanndienste all jene, die zwei oder mehr Pferde anzuspannen hatten.

Fürst Friedrich III. von Salm Kyrburg, ein Freund Frankreichs und Sympathisant der Revolution, erließ ihnen endlich auch die Frondienste. Seine Fürstenkollegen indessen, die auf diese Bequemlichkeit nicht gern verzichten mochten, verziehen es ihm nie und verfolgten ihn von Stund an mit übler Nachrede. Wegen seines aufwendigen Lebensstils bot Friedrich III. ohnehin schon genügend Angriffsmöglichkeiten. Und so erscheint bis heute in der Vermischung von Dichtung und Wahrheit – sein Bild noch immer nicht als blankgeputzt.

Das heute wieder zu Ehren gekommene „Hotel de Salm, Palais de la legion d’ Honneur“ in Paris ließ er, der Prunk und Pracht so liebte, von den Groschen seiner Landeskinder bauen. Dennoch verlor er 1794 in Paris durch den Beschluß des Revolutionstribunals seinen Kopf auf dem Schafott. Die Kirner haben ihn nie vergessen, und wäre er nicht geköpft worden, wer weiß, dann wäre Kirn vielleicht heute ein freies Fürstentum und Steuerparadies dazu.

Ein Paradies ist Kim trotzdem, umgeben von Bergen, durchweht vom Westwind, eingerahmt von sauberen Flüssen, von denen einer, der Hahnenbach, sommers gemach die Stadt durchzuckelt und nur zur Zeit der Schneeschmelze ungemütlich wird. Im Hahnenbach kann man auch angeln.

Auf fast 2000 Kilometern Wanderwegen läßt sich das Umland erschließen; dichte Wälder, gelegentlich Weinberge, Hänge, im Frühsommer prallvoll mit Klatschmohn, und natürlich die zahlreichen Burgen der einstigen Landesherren. Wer nicht laufen mag, fährt mit dem Planwagen.

Hoch über Kirn, in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen, harrt die über tausendjährige Kyrburg dem Ende ihrer Restaurierung entgegen. Dann macht auch das Restaurant wieder auf, von dem aus der Blick weit in die Lande geht. Abends fällt dort die Sonne mitten in die Wälder. Und vielleicht, träumt Rainer Barth, dem nicht nur von Berufs wegen der Fremdenverkehr am Herzen liegt, macht dort einmal eine Freilichtbühne auf. Ideal wäre die Gegend schon. Und die Freilichtbühne gäbe dann den Zuckmayerschen Schinderhannes, das Stück von dem Lumpen, der Kim besonders gern heimsuchte und zu Mainz mit dem Tode für seine Schandtaten bestraft wurde. Das war im November 1803. Da war der Schinderhannes erst Mitte zwanzig und blickte schon auf eine zehnjährige Räuberkarriere zurück. Die Kirner, die er sehr geplagt hat, haben eine besondere Beziehung zu ihm. Nicht genug, daß er einmal öffentlich auf dem Marktplatz von ihnen Prügel bezog, muß er bis zum heutigen Tage seinen Namen beigeben für so mancherlei: Da gibt es im „Gasthaus zur Sonne“ den leckeren Schinderhannes-Spieß und um Kirn auch einen Wanderweg mit seinem Namen. Und ein herzhaftes Brot mit mehreren Krusten heißt, wie könnte es anders sein: Schinderhannes-Brot. Ein Altbier seines Namens wurde jüngst in Kim aus der Taufe gehoben und den Bürgern in einem Festakt vorgestellt.