ARD, 4. Januar: „Brennpunkt – Das Millionending. Politik und Kapital: Der Fall Flick“

Offen gestanden: Ich bin gar nicht so erpicht darauf, daß der WDR die Affäre Flick-Geschichte verfilmt. Ich sehe da nämlich eine Menge von Darstellungproblemen, die mir unlösbar scheinen, wehe dem, der es unternähme, diesen Stoff für den gemütlichen Sonntagabend des deutschen Publikums herzurichten! Zwar den Aufsichtsgremien würde die wüste Materie schlaflose Nächte bereiten; der Zuschauer jedoch würde vor Langeweile einnicken“: Der dies geschrieben hat, Hans Magnus Enzensberger in einem Spiegel-Essay (nachzulesen im „Flick“-Buch bei Rowohlt), strafte seine Thesen in nobelbehutsamer Weise Lügen. Er gab zum ersten dem, worauf er so wenig erpicht war, der Verfilmung der Flick-Affäre von seiten des WDR, die Ehre seiner Anwesenheit und bereicherte zum zweiten dieses keineswegs zum Einnicken ladende Unternehmen durch ein Gespräch mit Kurt Biedenkopf – einen Disput übrigens, in dem der Schriftsteller weit präziser und politischer, faktenreicher und detaillierter argumentierte als sein Kontrahent, der sich’s in Sachen Parteienfinanzierung mit dem General-Verweis auf jüngst im Bundestag Beschlossenes, dem der Charakter einer „Selbstreinigung“ zukäme denn doch gar zu leicht machte.

Von einem Mann, der in der Flick-Affäre nicht gerade die Rolle des weltenfern Distanzierten gespielt hat (er könne „nicht ausschließen“, so Biedenkopf früher, daß er als Anwalt „bei der Firma Flick liquidiert“ habe) – von einem solchem Mann hätte der Betrachter am Bildschirm lieber Exaktes über das Ausmaß der Parteien-Verschmutzung als Allgemein-Unverbindliches über die angeblich begonnene Selbstreinigung vernommen. Ein Jammer, so betrachtet, daß Enzensberger nicht mit einem Mann konfrontiert wurde an diesem Abend, Berthold Beitz, der, dank seiner Kompetenz und der ihm attestierten Integrität, dort der ideale Gesprächspartner gewesen wäre, wo es um jene Verfilzung von Wirtschaft und Politik ging, die ein (unternehmerfreundliches) Journal mit dem Bonmot charakterisierte: „Ein Abgeordneter ist nicht an Weisungen gebunden, aber an Überweisungen.“

Trotzdem, langweilig war er nicht, der Enzensberger-Biedenkopf-Disput, der zumindest enthüllte, wieviel im Staate Bundesrepublik faul ist – und eben das war auch der Tenor der WDR-Dokumentation, die, von Walter Erasmy engagiert, aber behutsam moderiert, nicht nur die Affäre in knappen Bildern und pointierten Texten skizzierte, sondern auch die Politik des Hauses Flick als ein Kontinuität verbürgendes Element beschrieb: gestern bei Himmler und Göring, heute bei Bonner Demokraten zu Gaste – und immer gegeben, gezahlt und gewogen gemacht, immer dafür gesorgt, daß, über die Zeiten hinweg, die Flick-Getreuen das Sagen behielten.

Machtausübung in Geschichte und Gegenwart „nach Art des Hauses“: Unter diesem Zeichen wurde das Gebaren eines Konzerns verdeutlicht, der, wie seine Historie zeigt, Reichtum gewann, indem er, in wörtlichem und in übertragenem Sinn, über Leichen ging. (Bevorzugte Opfer: Insassen von Konzentrationslagern und sogenannte Fremdarbeiter, die in Flicks Rüstungsfabriken ihren Elendstod starben.)

„Nein, für den Bildschirm springt bei dieser Geschichte nichts heraus“: Der Enzensbergersche Satz wäre gültig gewesen, hätten die Filmemacher sich darauf beschränkt, Transaktionen ins Blickfeld zu rücken, die, wie man aus Heinrich Manns „Untertan“ oder Brechts „Heiliger Johanna der Schlachthöfe“ weiß, dem Literaten (aber auch den Filmemacher) selten gelingen, weil zwar Kapitalisten vom Schlage des Herrn Mauler (oder des J. R. und Blake Carrington) plastisch darstellbar sind, das Kapital hingegen, mitsamt seinen Hintergrunds-Manipulationen kaum in den Griff zu bekommen ist... wie wenig, das zeigt die in Bonn derzeit grassierende Amnesie: „Ich bin nicht sicher“, „Ich kann mich nicht mehr erinnern“, „Vielleicht ja, vielleicht aber auch nein.“

Gottlob, so betrachtet, daß die Filmmacher sich in dieser nebulosen Welt, wo ein Friedrich Karl Flick nicht vor den Kameras den Clan-Boß von Dallas spielt, sondern irgendwo „dem Wintersport nachgeht“ ... gottlob, daß sich die Autoren vom WDR im Nebel keineswegs verhedderten, sondern sich darauf beschränkten, in wenigen Zügen zu zeigen, exemplarisch und überzeugend, auf wessen Kosten, in der Republik von Weimar und im Nationalsozialismus so gut wie heute, jene Expansionspolitik des Konzerns geht, die nicht zuletzt dank der Spendenpraxis des Hauses floriert.