Hessens Grüne entscheiden über ein Bündnis mit Holger Börners Sozialdemokraten

Von Gerhard Spörl

Wiesbaden, im Januar In jüngster Zeit hat allerlei ungewohntes Volk den Weg in Holger Börners Staatskanzlei ge-JLfunden. Bei Tee und Gebäck begutachtete ein Dutzend junger Journalisten von diversen linken Szene-Blättern den Ministerpräsidenten, der sich erstaunlicher Wandlungen fähig gezeigt hat. Er hat sie allesamt freundlich und zurückhaltend empfangen, Er hat mit sich reden, aber sich nicht irritieren lassen. Immer hat er den Eindruck erweckt, als wolle er etwas beweisen. Aber wem? Sieh oder den anderen, die noch vor kurzem in ihm die Ausgeburt eines fatalen Systems erblickt hatten? Niemand weiß das ganz genau. Aber soviel ist klar: Der professionelle Politiker Holger Börner ist am Werk. Und er weiß, daß Pflasterstrand und tageszeitung in jenen Zirkeln gelesen werden, die am kommenden Wochenende darüber befinden, ob die Grünen recht daran tun, mit der hessischen SPD über Gemeinsamkeiten zu verhandeln.

Holger Börner weiß, was er will. Er ist darauf bedacht, im Landtag bald wieder mit gütiger Hilfe der Grünen gewählt zu werden. Der „Dicke“ – so wird er in der SPD genannt – ist zu sehr Purist, um sich in den Besonderheiten der hessischen Verfassung wohlig einzurichten. Lange genug hat er gleichsam sich selber als Geschäftsführender Ministerpräsident vertreten. Um klare Verhältnisse zu erreichen, war er sich nicht zu schade, in den Ruch eines bedenkenlosen Opportunisten zu geraten. Die Grünen hatten ihn bis zur Weißglut gereizt. Er glaubte, in ihnen Faschisten wiederzuentdecken; mit der Dachlatte hätte er sie am liebsten traktiert. In Börner, dem Musterdemokraten, waren angesichts des Quasi-Bürgerkriegs um die Startbahn West jede Menge kleinbürgerliche Ressentiments aufgebrochen. All das hat er jetzt hinter sich gelassen. Als Moralist muß er nun mit jenen Leuten Politik machen, die er vor kurzem noch am liebsten in den Frankfurter Stadtwald zurückgetrieben hätte.

Verwunderlich ist, daß die Grünen ihm die Läuterung abgenommen haben, Als das Abtasten in Wiesbaden begann, waren sie erst einmal neugierig. „Wir wußten ja, mit wem wir es zu tun haben“, erinnert sich amüsiert Jochen Vielhauer, der Börner in sechs Verhandlungsrunden gegenübersaß, „Wir haben uns nur gefragt: Wie macht der das?“ Börner hat nicht abweisend wie ein Ölgötze dagesessen und Verachtung demonstriert. Im Gegenteil, der Ministerpräsident war Herr aller Runden, omnipräsent in allen Details, ob es um Kernkraft ging oder um die Frage, wie ein Wald beschaffen sein muß, damit Luchse darin Lebenschancen besitzen. Rasch war auch der Verdacht ausgeräumt, die SPD wolle nach Hamburger Vorbild verfahren: zum Schein sich auf die Grünen einlassen, dann deren Mitarbeit dankend ablehnen, um – leider müsse es jetzt sein – die Bürger erneut zur Urne zu bitten. Nein, in Hessen ist immer geduldig, zuweilen chaotisch verhandelt worden.

Aber zu welchem Zweck? Das müssen die Grünen am Wochenende im Taunus erst herausfinden. Dort obliegt es ihrer Landtagsgruppe, die Basis davon zu überzeugen, daß es sinnvoll war und ist, sich mit den mißliebigen Mächtigen einzulassen. Die Grünen haben einen ausgeprägten Sinn für historische Entscheidungen und dafür, die Alltagspolitik auf Lebens- und Überlebensfragen zurückzuführen, In Usingen ist die Frage aller Fragen gestellt: Wollen die Grünen an die Macht? Und Usingen wird Folgen haben. Auch anderswo, in Norarhein-Westfalen und im Saarland, denken grüne Landesverbände darüber nach, ob sie sich an die SPD hängen sollen.

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