Joschka Fischer, parlamentarischer Geschäftsführer: Streiter für eine Realpolitik

Von Michael Sontheimer

Bereits im Foyer des Hochhauses Tulpenfeld im Bonner Regierungsviertel fällt das Stichwort: "Der Abgeordnete Fischer/Frankfurt bitte in seinem Büro anrufen", tönt es blechern aus der Lautsprecheranlage, Fünf Stockwerke höher, im Zimmer 514, erklärt Maria, die Bürovorsteherin des parlamentarischen Geschäftsführers der grünen Bundestagsfraktion: "Du mußt einen Moment warten, der Joschka ist noch in einer Sitzung." Sie offeriert derweil bitteren Solidaritätskaffee aus Nicaragua. Auf dem Tisch liegen ein paar Apfel: klein, schrumpelig und grün, offensichtlich biodynamische Produkte. An den Wänden hängen chinesische Seidenstickereien, naive Landschaftsbilder und tiefsinnige Gedichte. Alternative Wohngemeinschaftsästhetik unterminiert die Tristesse des funktionalen Büro-Interieurs. Maria konnte gerade einen enervierenden Anrufer abwimmeln. "Die verwechseln uns manchmal mit Seelsorge", sagt sie kopfschüttelnd, "Neulich, während der Nachrüstungsdebatte zum Beispiel, da rief einer aus dem Landeskrankenhaus Gießen an, Der wollte Joschka zum König von Europa machen und so den Atomkrieg verhindern. Ein echter Spinner."

Als der vermeintliche Retter Europas schließlich hereingestürmt kommt, zieren ihn ein braunes Nadelstreifen-Sakko und abgetragene Blue jeans. "Clochard" steht in großen Lettern auf seinem Sweatshirt. Er ist unrasiert, sein blasses Gesicht wirkt müde, "Diese idiotischen Vorstandssitzungen", flucht er mit einem leichten hessischen Akzent. "Ich hab’ richtige Kopfschmerzen von dem Schwachsinn."

Daß Joschka Fischer drastische Worte liebt, ist bekannt, seit er – kaum vier Wochen in Bonn – den Bundestag "eine unglaubliche Alkoholikerversammlung" schimpfte. Wer allerdings etwas über sein vorparlamentarisches Leben in Erfahrung bringen will, sieht sich vom Bundestagshandbuch enttäuscht. Während alle anderen Abgeordneten – auch die der Grünen – dort ihre Vita als Auflistung mehr oder minder bedeutsamer Posten präsentieren, findet sich bei ihm lediglich: Joseph Fischer, 6000 Frankfurt am Main, Buchhändler – geb. 12. April 1948". Beim Essen erklärt er dann allerdings: "Von dem, was in meiner Akte beim Verfassungsschutz liegt, mal abgesehen, habe ich. nichts zu verbergen. Ich stehe zu meiner Geschichte."

Der Schauplatz der ersten 17 Jahre dieser Geschichte war Stuttgart. Als Kind einer kleinbürgerlichen Familie – sein Vater war wie der Großvater Metzger – hatte er es auf dem Gymnasium nicht gerade leicht. Mit dem Abitur wurde es auch nichts. "Ausgeflippt bin ich damals an Bob Dykm". erzählt er mit stolzem Unterton. "Ort the road, Was der kann, kann ich auch, hab’ ich mir gedacht." Er wurde zum "Aussteiger", zehn Jahre, bevor dieser Begriff in Mode kam. Sein erster Versuch brachte ihn bis Hamburg, dann schnappte ihn die Polizei und lieferte ihn wieder zu Hause ab. Beim zweiten Anlauf kam er schon bis Kuwait. Wieder zurück, arbeitete er als Hilfskraft auf dem Arbeitsamt, probierte es kurzzeitig mit einer Photographenlehre,

Nachdem er seine Jugendliebe mangels Volljährigkeit im schottischen Heiratsparadies Gretna Green geehelicht hatte, zog es die beiden in die nach Berlin wichtigste Metropole der Studentenbewegung: Frankfurt wurde der Schauplatz der nächsten 17 Jahre. Obwohl Joschka Fischer nie an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität eingeschrieben war, hörte er dort Adorno, Habermas und Negt, fand bei ihnen etwas damals durchaus Rares, nämlich die Möglichkeit, sich einen Begriff des deutschen Faschismus zu machen. Er las Marx und Mao; überhaupt war sein Wissensdurst groß: "Ich hab’ gebüffelt wie ein Ochse. Die .Phänomenologie des Geistes‘ von Hegel zum Beispiel. Nach zwei Drittel hab’ ich wieder von vorne angefangen, weil ich nichts verstanden hatte,"