In Hessen bieten sich die Grünen der SPD als Juniorpartner an.

Von Horst Bieber, Michael Sontheimer und Gerhard Spörl

Spürt auch ihr den Atem der Geschichte? Listig und in gespielter Aufregung schaute sich Joschka Fischer, ein hessischer Grüner mit Sinn für Macht und Süffisanz, im drangvoll engen Saal um. Alles schubste nach vorn. Einige Verwegene hatten sich an die Basketball-Körbe gehängt. Journalisten stiegen auf Stühle und Tische. Hunde kläfften, Kinder schrien, selbst die unbeirrbaren Strickerinnen hatten die Nadeln sinken lassen.

Der Präside vorn auf dem Podium versuchte verzweifelt, Ruhe und Übersicht zu behalten. Eine Mutter schnappte sich das Mikrophon und schrie japsend hinein, jetzt, wo es ums Ganze gehe, müßten auch alle Frauen her, die den Dienst im Kindergarten übernommen hatten. Alle sollten, alle wollten mit Kopf und Herz dabei sein, als die Grünen in Usingen die Gretchenfrage beantworteten: Wollen wir, dürfen wir an die Macht?

„Hoffentlich brechen die nicht in Jubel aus“, wünschte sich ein Abgesandter aus der Bonner Fraktion. Sie taten es nicht. Die Usinger Drei-Fünftel-Mehrheit freute sich ganz einfach und ganz ohne Häme, daß das rot-grüne Bündnis in Wiesbaden Wirklichkeit wird – oder werden kann. Erleichterung schwang mit, auch Erschöpfung. Grüne Parteitage ähneln Psychodramen. Am Ende ist es immer gut, wenn alles vorbei ist.

In Usingen waren sich Sieger und Verlierer darin einig: Die Hessen haben eine Zäsur gesetzt. Sie stehen keineswegs allein. Auch anderswo, in Nordrhein-Westfalen wie im Saarland, stellen sich grüne Landesverbände darauf ein, ihre schamhafte Sonderexistenz aufzugeben und sich mit den Sozialdemokraten einzulassen.

Für manche Grüne, die nie unterschieden haben zwischen der turbulenten Geschichte ihrer Partei und der eigenen Lebensgeschichte, kommt das dem Verlust der Unschuld gleich. Hatte man nicht klein sein wollen, auf jeden Fall anders als die anderen – eine Avantgarde mit neuem Bewußtsein, die sich nicht anpaßt oder unterordnet? Das Wünschen hat nichts geholfen. Die Grünen haben ihre narzißtische Phase abgeschlossen. Sie fühlen sich trauernden Herzens hinausgestoßen in die kalte Welt der Macht. Es treibt sie die Einsicht, daß sie nur so und nicht anders überleben können.