Die Unabhängigkeit der chinesischen Außenpolitik bleibt für Peking oberste Richtschnur. Eine gegen die Sowjetunion gerichtete „strategische Partnerschaft“ mit Washington werde es nicht geben, stellte Ministerpräsident Zhao Ziyang während seines Besuches in den USA klar.

Selbstbewußt zählte der chinesische Premier im Weißen Haus die Sünden der Amerikaner aus Pekinger Sicht auf: die Invasion Grenadas, die Einmischung in Mittelamerika und im Nahen Osten, ferner die generelle Mißachtung der Interessen der Dritten Welt. Hauptstreitpunkt aber bleibt Taiwan, solange die USA an ihren Waffenlieferungen festhielten und entgegen allen offiziellen Vereinbarungen faktisch eine „Zwei-China-Politik“ praktizierten.

Die Beziehungen zwischen Peking und Washington, monierte Zhao mit Blick auf Taiwan, seien „weit unter dem Niveau, das hätte erreicht werden können“. Präsident Reagan, vor seiner Chinareise im April um Harmonie bemüht, kommentierte nur: „Selbst dort, wo wir nicht übereinstimmen, konnten der Premier und ich unsere jeweiligen Positionen klären.“

In einer außenpolitischen Grundsatzrede vor Auslandschinesen in San Francisco gab Zhao Ziyang neben der Sowjetunion auch den Vereinigten Staaten die Schuld für die fortdauernde Instabilität der pazifischen Region. „Der Stille Ozean ist keineswegs friedlich. Noch heute hängen die Wolken eines Krieges über unseren Köpfen.“ Das Wettrüsten müsse beendet werden; die ausländischen Militärbasen müßten geräumt, die fremden Truppen abgezogen werden.

Amerikanische Truppen stehen auch in Südkorea. Aktuellen Gesprächsstoff in Washington bot daher die von Nordkorea zeitlich auf den Amerikabesuch Zhaos abgestimmte Offerte, mit Südkorea und den Vereinigten Staaten über einen Friedensvertrag und die Wiedervereinigung der geteilten Halbinsel zu verhandeln. Auf Reagans Vorschlag, auch China solle sich an derartigen Verhandlungen beteiligen, reagierte Zhao allerdings zurückhaltend.

Einziges handfestes Ergebnis des Zhao-Besuches war die Erneuerung des 1979 unterzeichneten Abkommens über technischen und wissenschaftlichen Austausch und ein Rahmenvertrag für die industrielle und technologische Zusammenarbeit. Eine von beiden Seiten angestrebte Vereinbarung zur friedlichen Nutzung der Kernenergie wurde zurückgestellt. Der Lieferung von Atomreaktoren durch US-Firmen stehen derzeit noch die strengen amerikanischen Nichtverbreitungs-Richtlinien entgegen. Chinas Beitritt zur Internationalen Atomenergiebehörde hat die Chancen der amerikanischen Nuklearindustrie auf dem chinesischen Markt jedoch ebenso verbessert wie die Versicherung Zhaos, China wolle keinesfalls anderen Ländern helfen, Kernwaffen zu entwickeln.

Drei Jahre nach Amtsantritt der Reagan-Administration haben China und Amerika zu einem weithin spannungsfreien Umgang miteinander gefunden. Die Vorzeichen für Reagans Chinabesuch im April, bei dem sich der Präsident im Wahljahr als erfolgreicher Außenpolitiker in der Nachfolge Richard Nixons und Henry Kissingers präsentieren möchte, sind günstig. Er freue sich auf seine Reise nach Peking, sagte Reagan, denn er werde dort „Freunde treffen“. Matthias Naß