Von Hans Jakob Ginsburg

Was hat Syriens Präsident Assad im Libanon vor? "Wenn ich das wüßte, wäre ich meine Sorgen schon lange los", sagte diese Woche sein libanesischer Kollege Amin Gemayel, der nach den neuen Schießereien und Gefechten in Hörweite seines Palastes wieder deutlich auf die Rolle des de-facto-Bürgermeisters von Beirat und Umgebung zurückgeworfen ist. Von den vielen ausländischen und einheimischen Kontrahenten im Libanon können die Syrer als einzige zufrieden auf den blutigen Machtkampf der letzten Monate zurückblicken.

Die ineinander verhakten libanesischen Milizen und Freischärlerhaufen können kein Terrain mehr gewinnen. Seit die Drusen Walid Dschumblatts die Schuf-Berge südöstlich von Beirut beherrschen, erlebte der Libanon todbringende Scharmützel, Attentate und Konterattacken, aber keine Verschiebung der Fronten. Syrische Truppen einerseits, die amerikanischen Marineinfanteristen andererseits garantieren den Besitzstand ihrer Klienten. Freilich bedeutet dies für Syrien den Rückgewinn einer nach dem israelischen Einmarsch von 1982 verlorenen Position, für Amerika hingegen gefährliche Verstrickung.

Syriens Gegner Israel zieht ebenfalls eine negative Bilanz. Die Besetzung des Nachbarlandes bis zum Awali-Fluß kostet Geld und Menschenleben, und mit dem Tod des christlichen Majors Haddad hat Jerusalem jetzt auch noch den Verbündeten verloren, der das nördliche Nachbarland in einen kleinen Pufferstaat verwandelt hatte.

Zum Bild des einsamen syrischen Triumphes gehört paradoxerweise auch, daß Assads palästinensische Freunde ihres Sieges über Jassir Arafat nicht froh werden und weiter syrische Marionetten bleiben müssen: Die Masse der Palästinenser lehnt die Rebellion Abu Musas ab; Arafat, Opfer schnöden Verrats, darf sich militärische Debakel und politische Eskapaden wie den Besuch bei Ägyptens Präsident Mubarak leisten und bleibt der Träger palästinensischer Hoffnungen.

Assad hat die Macht, im Libanon alles scheitern zu lassen, was ihm nicht genehm ist. Das israelisch-libanesische Abkommen vom letzten Mai ist wegen des syrischen Vetos kaum noch etwas wert; die Genfer Versöhnungskonferenz der libanesischen Bürgerkriegsparteien schleppt sich erfolglos hin; die staatliche Armee des Libanon bleibt eine schwache Hilfstruppe der rechten Milizen, weil drusische, sunnitische und schiitische Offiziere sich in den von Damaskus ausgerüsteten Bürgerkriegsverbänden besser aufgehoben fühlen als unter einem christlichen Präsidenten, der sich in dieser Lage immer mehr unter die Fuchtel seiner falangistischen Verwandtschaft begibt.

Weil ohne Syrien nichts geht, mußte die amerikanische Nahostdiplomatie den Dialog mit Assad suchen, das hatten Reagan, Shultz und ihre wechselnden Emissäre während der israelisch-libanesischen Verhandlungen versäumt. Die militärische Konfrontation der marines mit syrischen Soldaten und Hilfstruppen machte den Dialog nur dringender.