Lichtlos und doch lichtvoll“ – dieser scheinbar widersprüchliche Satz, in großen Leitern über dem Kopf des Dichters und Sängers der Antike, Homer, am Portal der Schlesischen Blindenunterrichtsanstalt in Breslau angebracht, hat 1912 den damals 24jährigen, infolge eines Unfalls mit 16 Jahren allmählich erblindeten Alfred Stoeckel veranlaßt, das Leben bedeutender blinder Persönlichkeiten der Weltgeschichte zu erforschen. Stoeckel, der nach Musik- und Gesangsstudium in Breslau und Berlin und bestandener Reifeprüfung an der Hochschule in Berlin in den 20er und 30er Jahren zu den erfolgreichen Künstlern in Deutschland zählte, konnte seinen Wunsch, das Wirken namhafter Blinder aus drei Jahrtausenden in einem Buch der breiten Öffentlichkeit vorzustellen, erst in seinen letzten Lebensjahren verwirklichen, weil er sehr viel Zeit für das Zusammentragen von Fakten aufwenden mußte.

Alfred Stoeckel: „Von Homer bis Helen Keller“. Erschienen beim Verlag des Deutschen Blindenverbandes e. V., Bismarckallee 30,5300 Bonn 2,12 Mark.

Am Beispiel Homers und des römischen Senators Claudius Appius zeigt Stoeckel, welche Achtung und Bewunderung man Menschen entgegenbrachte, die trotz Blindheit hohe Leistungen vollbracht hatten. Und ähnlich sieht es auch bei den anderen Frauen und Männern aus, die ihr Werk ganz oder größtenteils als Blinde vollendet haben, etwa König Johann von Böhmen, die österreichische Komponistin Maria Theresia von Paradis, der deutsche Jurist und Schöpfer des Bürgerlichen Gesetzbuches Gottlieb Planck und der schwedische Naturwissenschaftler Gustav Dalen, dem für die Erfindung eines Druckgassammlers der Nobelpreis für Physik verliehen wurde.

Zu den nach Lebzeiten chronologisch Porträtierten gehören natürlich auch der Franzose Louis Braille, der als 16jähriger 1825 die aus sechs Punkten bestehende Blindenschrift ersann und damit für Blinde das Tor zur Bildung aufstieß, und der Deutsche Carl Strehl, der 1916 mit der Gründung der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg das erste Gymnasium für Blinde in der Welt geschaffen hatte.

Abgerundet wird die Sammlung mit einem Kapitel über das Leben der weltberühmten amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller, die mit 19 Monaten Augenlicht und Gehör verlor und dennoch große Leistungen vollbrachte.

Autor Alfred Stoeckel, der selbst wegen seiner künstlerischen und politischen Verdienste mehrfach ausgezeichnet wurde – der Berliner Senat verlieh ihm den Titel „Professor h. c.“ –, wollte mit seinem Buch nachweisen, daß blinde Menschen trotz des schweren Handikaps zu außergewöhnlichen Leistungen imstande sind. Er vergißt nicht zu erwähnen, daß in der Geschichte und Literatur, je nach religiöser oder philosophisch-humanistischer Lesart, häufig die Bewertung der Blindheit als Gottesstrafe im biblischen Sinn oder eine prädestinierte geistig-seelische Kraft zu finden sei. „Das Altertum ehrte, das Mittelalter nährte und die Neuzeit lehrte die Blinden.“

Alfred Stoeckel starb am 1. April 1983 in Berlin. Keyvan Dahesch