/ Von Viola Roggenkamp

Das hübscheste Haus am Platz ist das Stundenhotel „Village“. Den ganzen Steindamm rauf wie runter findet sich keine vergleichbar geschmackvoll restaurierte Fassade gediegenen Hamburger Bürgertums. Die Fenster allerdings sind auffallend dicht verhängt.

Gegenüber liegt das Kontakt-Café „Chérie“, eine Tanzbar, ein Animierlokal, das in der Bundesrepublik, ja, womöglich gar in Europa, einmalig ist. Jedenfalls behauptet das „der Alte“. Aber der steht nun vor Gericht und hat darum in seinem eigenen, „nach modernstem Management“ geführten Unternehmen Lokalverbot.

Die nachbarschaftliche Lage, das Vis-à-vis ist günstig, ist praktisch, spricht für Service wie für Geschäftsgeist; angeblich aber gehören die beiden Betriebe nicht zusammen.

Es ist Feierabend. Von St. Georg schlägt es sechsmal. Im „Chérie“ ist wenig Betrieb. Acht, neun Gäste sitzen vereinzelt an kleinen, runden Tischen etwas verloren in dem großen, von roten Farbtönen bestimmten Raum; ein jeder Gast für sich. Internationale Schlagermusik vom Band macht ein bißchen Stimmung.

Auf den ersten Blick ein vertrautes Bild für menschliches Verhalten in Norddeutschland: Auch wenn man die Gesellschaft anderer sucht, setzt man sich nicht einfach an einen besetzten Tisch.

Auf den zweiten Blick fällt auf, daß die Gäste ausschließlich Frauen sind, die alles andere als miteinander fremdeln. Im Gegenteil, über die Distanz von vier, fünf leeren Tischen hinweg, rufen sie sich etwas zu, sprechen – ganz offensichtlich – mit der Freundin, die sich gelassen langsam erhebt, auf sehr langen Beinen hierüberschlendert, an einer der Säulen einen prüfenden Blick in das Spiegelglas wirft und dann an der Frisur einer Dritten herumnestelt. Man scherzt und plaudert miteinander, übrigens nicht sonderlich beflügelt, denn die Langeweile ist groß.