Von Gunter Hofmann

Jetzt oder nie! 1984 sei ein „geschenktes Jahr“ für Helmut Kohl, wird in der Union argumentiert. Was er heute nicht anstoße, lasse sich bis 1987 auch nicht mehr bewegen. Auch Helmut Kohl scheint das so zu sehen.

Der Kanzler müsse dieses Jahr nutzen, mahnen Parteifreunde auch mit kritischem Unterton. Er soll jetzt endlich zeigen, was er will und kann, heißt das. 1984 – das ist die Meßlatte für ihn.

Die wirtschaftlichen Rahmendaten für die nächsten Monate sehen vergleichsweise günstig aus, denn die Inflationsrate ist so niedrig wie die prognostizierte Wachstumsrate hoch. Der Raketendisput, der das Jahr 1983 beherrschte, könnte abflauen – oder zur Debatte darüber gerinnen, ob man die neue Rüstungsrunde in Ost und West den Beginn einer neuen Eiszeit nennen darf oder soll.

„Die leichtesten Jahre“, warnt allerdings ahnungsvoll ein Liberaler, der ein gutes Gedächtnis hat, „sind die gefährlichsten.“ Da fehle es an dem notwendigen Zwang zur Geschlossenheit und Aktion. Er bezieht das keineswegs nur auf den Koalitionspartner, sondern auch auf die eigene Partei: Die FDP habe das Jahr des Wechsels noch lange nicht bewältigt.

Schon einmal war von einem „geschenkten Jahr“ für einen Kanzler die Rede. Das war, nachdem Willy Brandt und Walter Scheel am 19. November 1972 für die SPD (45,8 Prozent) und FDP (8,4 Prozent) einen strahlenden Sieg errungen hatten. Mit satten 271 Mandaten ausgestattet, ein Jahr ohne Landtagswahlen vor sich, an der Spitze ein integrierender Kanzler mit einer Autorität ohnegleichen – es war von Jahrhundertwahlen die Rede, und man konnte die Stimmung verstehen.

Der Schein trog. 1973 wurde zum Jahr der tiefen Erosionen. Die linke SPD fühlte sich stark, manche meinten übermütig. Brandt mußte mahnen, nicht zu vergessen, daß seine Partei ohne die FDP in die Opposition und eine dauerhafte Isolierung zurückfallen werde. Neue, drängende Fragen nach den Grenzen des Wachstums und den Gesetzen der Ökologie gewannen bedrohlich Gestalt. Über Nacht verdüsterte die Ölpreiskrise den Horizont, die ökonomische Basis für die Reformpolitik war bedroht.