Von einem ungeheueren Krimi ist zu berichten, doch es ist kein Kriminalroman, sondern ein Kriminalbericht, aus dem richtigen Leben. Dabei ist alles verdreht, denn die Schurken sitzen in der Regierung, in den Ministerien. Nein, die Untäter sind die Behörden, die Polizei; fast der ganze Staat ist die Gang. Den Schuften auf der Spur ist eine stolze und pfiffige schwäbische Pfarrerstochter, parteilos, unbeugsam, in allen bürokratischen Schlichen ausgebildet. Sie, im Gewand der leicht unterschätzbaren höheren Tochter, hat die Mafia im Visier, die das Recht verletzt. Die Heldin, der Ironie und des Sarkasmus mächtig, ein Schrecken der Ämter, ist Detektivin, Untersuchungsrichterin und Verfasserin unseres modernen Krimis in einer Person. Und sie läßt ihr atemberaubendes Werk gar noch von denen drucken, die der Kriminalität zuarbeiten, nämlich von der Landtagsdruckerei.

Ach, daß kein Verleger sich dieses atemberaubenden Stoffes bemächtigt, der den inzwischen totzitierten Orwell als leichtgewichtigen Fiktionsschreiber entlarvt! Daß kein Filmemacher dieses Drehbuch in Celluloid umsetzt, kein Fernsehen sich an das Sujet traut!

Unser Seufzer gilt der Realität. Das Buch, in dem der Staat der Verbrecher ist, dessen Leser auch die Genarrten, die Betroffenen, die Geschädigten sind, was ihre Spannung beim Lesen oft genug in erschrecktes Hohnlachen umschlagen lassen wird – dieses Buch trägt den Tarnkappen-Titel "Vierter Tätigkeitsbericht der Landesbeauftragten für den Datenschutz in Baden-Württemberg".

Man wird zugeben müssen: Besser kann ein Werk, das dem Leser Heulen und Zähneknirschen entlockt, nicht kaschiert werden. Aber das liegt an der Heldin und Verfasserin. Sie ist Juristin. Sie ist Beamtin. Und sie hat noch einen Grund zur Tarnung: Sie ist von den Schurken abhängig – nach acht Jahren Spürhundarbeit müssen die Ertappten ihre Verfolgerin neu bestellen. Da bleibt nur eine württembergische Pietistin unbefangen.

Leider ist alles nicht so lustig, wie das Niedergeschriebene bis jetzt glauben machen könnte. Der Krimi, die Schurken, die Verfolgerin sind echt, zum Anfassen. Und wir, die Leser sind wirklich und tatsächlich die Geschädigten. Strafen gibt es keine, sie bestehen nur im Pranger, das ist unser Krimi. Deshalb ist die Spannung in dem 179seitigen Datenschutzbericht von Ruth Leuze auch so groß. Sie entwickelt sich vom Staunen des Ungläubigen bis zur Neugier, wie es weitergeht.

Denn auch das kann Fiktion nicht bieten: Die Wirklichkeit setzt sich nach der Lektüre fort. Werden sich die Renitenten beugen, die Liederlichen bessern, die Unhöflichen benehmen, die Hartleibigen erweichen lassen? Wird das Rechte und Gute eines Tages nicht mehr im Konjunktiv, das Widerrechtliche nicht mehr im Indikativ stehen?

Blättern wir zittrig, weil es uns angeht, in dem Buch. Hauptkrimineller, ohne Zweifel, ist das baden-württembergische Innenministerium. Es tut, was es kann, die Datenschutzgesetze zu brechen, und dies möglichst geheimzuhalten. Schweigen und Verzögerung sind seine Werkzeuge. Aber auch das Finanzministerium, die ganze Landesregierung, das Kultusministerium, die Kommunen, die Gesundheitsämter, die Polizei, der Verfassungsschutz, die Post gehören zu den Rechtsbrechern – durch den ganzen Staat zieht sich das Unrecht: Schindluder wird getrieben mit den Bürgerdaten, weil "die Erfüllung der Aufgaben der Verwaltung" (so die Stuttgarter Regierung) ihnen wichtiger ist.