Die Generalsaffäre: bedrohlich auch für Kohl

Von Theo Sommer

Bundestag in Bonn, vor sechs Jahren. Das Hohe Haus debattiert über den Verteidigungsminister Leber und den MAD-Abhörskandal. Es spricht der Oppositionsführer Kohl:

„Wenn ein Bundesminister für sein Amt Autorität und Vertrauen braucht, dann ist es der Bundesminister der Verteidigung. Er ist mehr als jeder andere auf Autorität angewiesen, und Autorität ist immer Autorität des Amtes und der Person... Haben Sie einmal überlegt, Herr Bundesminister, was ein Kompanieführer von 28, 29 Jahren denken soll, wenn er dieses Ihr Beispiel sieht?... Herr Bundeskanzler, wie wollen Sie mit einem solchen Verteidigungsminister draußen und innen in der Bundesrepublik um Vertrauen werben? Es geht doch längst nicht mehr um den Bundesminister Georg Leber. Es geht um die schwierige Arithmetik der Koalition. Herr Bundesminister Leber, Sie waren immer ein Mann der Pflichterfüllung. Tun Sie jetzt Ihre Pflicht: Treten Sie zurück! Das ist der beste Dienst, den Sie der Bundeswehr erweisen können.“

Sind wir heute in einer Lage, da der gegenwärtige Oppositionsführer dem gegenwärtigen Verteidigungsminister und seinem Kanzler Helmut Kohl mit Recht dieselben Worte entgegenschleudern, an sie die gleichen Forderungen stellen dürfte?

Die Antwort muß jedem schwerfallen, der nicht von vornherein vor seinen Vorurteilen kapitulieren möchte. Was in Bonn abläuft, verdient nur eine Bezeichnung: Indianerspiel. Ein Verteidigungsminister, den seine führenden Berater dazu bringen, auf schütterer – und verfälscht dargestellter – Grundlage einen der drei höchsten deutschen Generäle sang- und klanglos in die Wüste zu schicken; ein Halunken-Komplott im Stricher-Milieu, durch Inszenierung eines Doppelgängers die amtliche Version zum Einsturz zu bringen; dann eilige Nachrecherchen der Behörden, die – zum Glück für den Minister – die früheren Anwürfe gegen den geschaßten Vier-Sterne-General zu erhärten scheinen: so etwas hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben.

Am Freitag voriger Woche dachte Manfred Wörner an Rücktritt. Nach einer Unterhaltung mit dem Kölner Fahnder nahm er davon Abstand. Als dann die Doppelgänger-Theorie ins Kraut schoß, war Wörners politische Zukunft vorübergehend keinen Pfifferling mehr wert. Mitte dieser Woche jedoch hatte es den Anschein, als könne er die Krise durchstehen.