Hervorragend

Robert Schumann: „2. Symphonie/Manfred-Overtüre“. Daß Kunst, also auch Musik, immer wieder zu tun hat mit dem wenn nicht gleich Kranken, so doch Gestörten, mit Irritationen, Ausbruch, Aufbegehren, mit den Risiko des Alles-auf-eine-Karte, mit dem letzten Aufbäumen einer Kreatur, die längst fühlt, daß da etwas zu Ende geht – Mozart und Beethoven, Tschaikowskij und Chopin, Weber und Bartók sind da nahezu unanfechtbere Zeugen. Wenn Robert Schumann über seine 1845/46 geschriebene 2. Symphonie sagt, sie sei entstanden, als „ich psychisch noch sehr leidend war“, mag man das als einen Beweis einer zuvor schon beim Hören oder bei der Analyse des Werkes präzise gewonnenen Erkenntnis sehen oder umgekehrt durch den Satz zu einer beinahe neurologischen Hörweise geführt werden. Gleichviel: was bislang und in der Regel in Thematik, Rhythmik und Harmonik für einen in die musikgeschichtliche Entwicklungsphase störungsfrei passenden Personalstil Schumanns gehalten wurde, konnte jetzt als gewissermaßen das EEG eines kranken Körpers interpretiert werden. Was allzulange schon sich hat gefallen lassen müssen, daß Dirigenten wie Orchester es reduzierten, überspielten, übersehen wollten, das Hin-und-her-Gerissensein, das verzweifelte Sich-Wehren gegen die Erkenntnis des Unaufhaltsamen und Grauenhaften, dieses Leben-wollen und Wohl-dochnicht-Können, dieses im Grunde schon Zerstörtsein – Ästheten werden es weiterhin leugnen und mit dem Mantel eines schöneren Scheins überdecken. Giuseppe Sinopoli hat mit den Wiener Philharmonikern – und nur dieses Orchester kann, fürchte ich, diese kompakte Leistung an Instrumentaltechnik wie Präzision erbringen, diese Parforcetour an Ausdruck und Klangintensität durchstehen – die Symphonie mit einer fiebrig-nervösen Unruhe, mit einer Hochspannung, mit einem, man muß das Wort erfinden: selbstzerstörerischen inneren Tempo aufgenommen, wie ich es nie hörte, wie es die Symphonie neu macht. Wie es vielleicht aber auch gar nicht oft gehört werden darf: Zu leicht könnten wir mit dem Komponisten eines (Wahn-)Sinnes werden. (D G CD 410 863-2) Heinz Josef Herbort