Wenn „Käpt’n“ Lührs das Glas mit den gelben Krokodilstränen und den Schenkelknochen vom Piraten Klaus Störtebeker aus seiner Truhe holt, dann wissen die Quiddjes (hamburgisch für Zugereiste), wie echtes Seemannsgarn gesponnen wird. Woher das gruselige Gebiß eines Menschenhais stammt? Aus einer Marseiller Hafenkaschemme, es ist die Beute einer Messerstecherei, klärt der rüstige „Käpt’n“, der eigentlich Schiffszimmermann war, die Besucher seines Mini-Museums „Övelgönner Seekiste“ auf. Die „Seekiste“ ist das Hobby des 75jährigen Hamburgers, dessen Familie seit fünf Generationen in dem ehemaligen Lotsendorf Ovelgönne wohnt. Hier, im Fischerhaus aus dem Jahr 1863, das sich eng an den Elbhang duckt und nur aus drei verwinkelten Zimmerchen besteht, hat Herbert Lührs vor zwölf Jahren das kleinste Museum Hamburgs eingerichtet. Es ist vollgestopft mit Seltenem und Kuriosem aus dem Bereich Meer und Schiffahrt. Und jedes Teil, das ausgestellt wird, hat seine eigene Geschichte, über die der selbsternannte Museumsdirektor genau Bescheid weiß.

Da ist zum Beispiel der getrocknete Wal-Penis, den hat ihm Tante Hermine, die Wirtin vom Fischmarkt, vermacht. Der grinsende Schrumpfkopf und der ausgebleichte Schädel eines Nilpferes stammen aus dem Erbe eines Afrikaforschers. Auch Familienbesitz ist zu sehen: Die Sonntags-Ausgehhaube der Ururgroßmutter baumelt direkt neben den original Pariser Puffhunden aus goldverziertem Porzellan und dem Jagdgewehr des Urgroßvaters. Ordentlich in Reih und Glied hängt die internationale Schiffermützensammlung. Jeder darf mal eine aufsetzen Und sich für einen Moment als Schipper fühlen.

Wertvoll sind die blinkenden Sextanten und Kompasse, ebenso die antike Werkzeugausrüstung für Bootsbauer. Wie gut die Zimmerleute damit gearbeitet haben, ist gleich eine Kammer weiter zu sehen. Hier hat der „Käpt’n“ die Kajüte eines Windjammers von 1850 nachgebaut. Fenster gibt es nicht, dafür ein fußballgroßes Bullauge. Das bißchen Licht reicht nur, um die zwei Kojen und die knorrige Holzbank zu beleuchten, auf der der alte „Käpt’n“ so gern sitzt und sein Garn spinnt.

Von der Elbe hört man Schiffe tuten, der Wind bläst den Geruch von Salz und Teer durchs Bullauge – gerade die rechte Atmosphäre für Seefahrergeschichten.

Andrea Homer

Ovelgönner Seekiste, Ovelgönne 63, 2000 Hamburg 52, Tel. (0 40) 8 80 93 27. Geöffnet Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung. Eintritt frei, eine kleine Spende ist erwünscht.