Mit altgewohnter Selbstherrlichkeit sammelte Manfred Wörner, der Verteidigungs-Minister in eigener Sache, seine Truppe. Er sei „heute noch sicherer als zuvor, richtig gehandelt zu haben“, rapportierte er am Dienstag vormittag der im Berliner Reichstagsgebäude tagenden CDU/CSU-Bundestagsfraktion. „Nicht mehr und nicht weniger“ als seine „Pflicht“ habe er getan: General Kießling „auf Grund der Sicherheitslage“ in den vorzeitigen Ruhestand entlassen. Langanhaltender Applaus von Werners Parteifreunden, aus deren Reihen nicht wenige noch Tage zuvor schon laut über einen neuen Hardthöhen-Chef nachgedacht hatten.

Von Rücktritt war keine Rede mehr, die These, nur ein Doppelgänger des Generals sei in den Kölner Homosexuellen-Lokalen gesehen worden, zum „Komplott“ (Wörner) geschrumpft. Statt dessen neue Zuversicht – und siegessicherer Waffensegen für das Entlastungsgeschütz, das der bedrängte Minister am Mittwoch im Bonner Verteidigungsausschuß auffuhr: die Aussagen einer Handvoll Zeugen (Wörner: „gute Zeugen“; sein Pressesprecher Reichardt: „Zeugen, die zu ihren Aussagen stehen“) – allesamt aus der Kölner Homo-Szene, in der General Kießling seit Jahren pflichtvergessen unterwegs gewesen sein soll.

Dürftig genug, und zwielichtig obendrein, bleibt, was Wörner der Bonner Aufklärungsrunde zu berichten hat: das Ergebnis der Nachrecherchen der Kölner Kriminalpolizei („Befragungen“, kein „Verhör“), das fernmündlich den Hardthöhe-Herren übermittelt wurde. Lediglich als panische Schutzbehauptung der „Tom-Tom“-Szene habe sich die Theorie herausgestellt, die vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) vorgeschickten Schnüffler könnten Kießling mit einem Doppelgänger verwechselt haben: den Szene-Gast Jürgen gebe es zwar, er verkehre auch in den einschlägigen Lokalen, aber mit Kießling habe er „frappierend wenig Ähnlichkeit“.

Vielmehr gebe es nun vier Zeugen, die bereit seien, auch vor Gericht auszusagen, daß Kießling im „Tom-Tom“ einkehrte: zwei Zeugen aus dem Lokal (just jene, die auf dem Höhepunkt des Verwirrschachers den „Doppelgänger“ ins Spiel gebracht hatten, dann aber wieder weich „befragt“ wurden); ein ehemaliger Geschäftsführer des Lokals, der die Szene seit Jahren kennt und das erste deutsche Homosexuellen-Magazin du + ich herausgab; schließlich war auch ein angesehener Kölner Bürger bereit auszusagen, daß er Kießling in den Lokalen gesehen habe, wollte aber seine Identität nicht öffentlich preisgeben.

Welche Wende. Noch vier Tage zuvor hatte sich Wörner vor den Augen des Fernsehpublikums scheinbar selber die Schlinge um den Hals gelegt. Während er noch in einem Interview für die „Tagesthemen“ einen Irrtum oder gar die Existenz eines „Doppelgängers“ für „ausgeschlossen“ erklärte, präsentierten fixe WDR-Reporter im Anschluß eben jene beiden Zeugen, den „Tom-Tom“-Wirt und seinen schicken Schankburschen, die das Photo des Generals an einen Doppelgänger erinnerte: an „Jürgen von der Bundeswehr“. Er komme nicht in Uniform, sondern im Parka und sei als Wachmann tätig (tatsächlich arbeitete er für eine private Wach- und Schließgesellschaft).

Von Stund an konnten sich Wirt und Barkeeper vor Journalisten nicht mehr retten. Und allen mußten sie die Geschichte von der Verwechslung erzählen. Bis schließlich die Kripo auftauchte und Nachforschungen („keine Ermittlungen“) anstellte. Am Sonntag schließlich meldete der Kölner Polizeipräsident stolz nach Bonn, der Doppelgänger sei gefunden. Allerdings: Er sei aus der Szene aufgebaut worden. Dabei, so wurde gemunkelt, sei „viel Geld im Spiel“. Zwar erklärten die beiden Fernsehzeugen noch am Dienstag dem Kölner Express, der ihnen als erster auf die Spur gekommen war, die Sache mit dem Doppelgänger stimme nach wie vor. Jedoch vor der Polizei sollen sie, so heißt es in Bonn, ausgesagt haben, sie hätten außer Wachmann „Jürgen“ auch noch General „Günter“ im Lokal gesehen. Ein Strichjunge habe als „der Edelstricher vom General“ gegolten.

Verteidigungsminister Wörner, gestützt auf den fernmündlichen „Forschungsbericht“ der Kölner Polizei, gab folgende Doppelgänger-Version: Auf „Jürgen“ wurde abgelenkt, um seriöse Kundschaft nicht zu verschrecken und um die Gegner des Generals auf eine falsche Fährte zu locken. Das Komplott soll bezeugt worden sein durch einen katholischen Geistlichen, vor dem ein junger Mitwisser sein Gewissen erleichtert hatte.