Von Klaus Viedebantt

Seemänner sind da ganz sicher: Schiffe haben eine Seele. Die billigen alte Teerjacken sogar den etwas verächtlich als „Musikdampfer“ bespöttelten Kreuzfahrtschiffen zu. Dabei ist gerade auf solchen Luxuspötten selbst für nautische Laien die Seele leicht auszumachen: nicht auf der Brücke oder im Maschinenraum, sondern im Restaurant, in der Bar, in den Kabinen. Der Bordservice bestimmt die Gemütslage auf allen feinen Cruiselinern. Er ist somit auch die Seele des Geschäfts.

Das müssen sich wohl auch die Herren von Cunard gesagt haben, als sie im vergangenen Sommer die beiden Schmuckstücke der Norwegian American Cruises Line (NAC), die „Vistafjord“ und die „Sagafjord“, erwarben. Es war das, was man in Kaufmannskreisen händereibend eine „Okkasionsgelegenheit“ nennt: Die beiden in der britischen „Kreuzfahrer-Bibel“, der Fielding-Liste, höchstklassifizierten Schiffe wechselten für nur rund 180 Millionen Mark den Besitzer und die Flagge.

Beides machte den NAC-Statthaltern auf dem deutschen Markt Kummer. Cunard, der Stolz der seesinnigen Briten, hat diesseits des Kanal bei der verwöhnten Klientel mit den dicken Brieftaschen keinen allzu guten Namen. Cunard-Schiffen sagt man britische Küche und unfeinen unbritischen Service nach. Als dann auch noch bekannt wurde, daß statt der Flagge mit dem Norwegerkreuz nicht der Union Jack, sondern das nationale Tuch der Bahamas am Heck aufgezogen werden sollte, vermehrten sich die Sorgen. Die karibische Fahne ist eine „Billigflagge“; wer seine Schiffe so „ausflaggt“, befreit sich von teuren Gewerkschaftsforderungen und kann sich eine billige Mannschaft an Bord holen.

Cunard beließ es aber bei der angestammten Mannschaftsstruktur: bei der überwiegend norwegischen Schiffsführung und bei einer deutschösterreichischen Mehrheit im Service. Auch ansonsten blieb zumindest bislang alles beim alten. Die Schiffe werden weiterhin von Oslo aus geführt, sie laufen nun unter dem Reedereinamen Cunard & NAC.

Die Mannschaft mußte erhebliche Einbußen am Grundgehalt hinnehmen, in vielen Fällen ist die Heuer nahezu halbiert worden. Zudem wurde teilweise das Arbeitsfeld vergrößert: Die Stewardessen erhielten zwei zusätzliche Kabinen zur Betreuung. Das hat allerdings auch Vorteile, da der Löwenanteil des Einkommens aus den Trinkgeldern stammt. Die norwegischen Offiziere profitieren sogar von der Ausflaggung, weil sie – wenigstens bis auf weiteres – keine Steuern zahlen. Weder die Bahamas noch Norwegen wollen von ihnen zur Zeit den Staatszins. Eine glückliche, aber wohl nicht endlos gültige Fügung.

Profitieren will von alledem natürlich auch die Reederei, respektive deren Besitzer. Die stolze Cunard Line ist nämlich längst in Kaufmanns Hände gefallen. Der Mischkonzern Trafalgar House, dem unter anderem auch das Londoner „Hotel Ritz“ gehört, übernahm Cunard, als den Traditionsreedern finanziell das Wasser bis zur Reling stand. Trafalgar hat an dem seemännischen Engagement offenkundig Freude gefunden: Jetzt will der britische Konzern auch noch die nicht minder berühmte P&O-Reederei übernehmen. Die „Peninsular and Oriental Steam Navigation Company“, wie sie in voller Namenspracht heißt, zählt mehrere Kreuzfahrer zu ihrer Flotte (seit dem Falkland-Krieg ist ihre als Truppentransporter benutzte „Canberra“ auch hierzulande bekannt). Aber der Standard vieler P&O-Schiffe entspricht nicht mehr den heutigen Erwartungen anspruchsvoller Passagiere.