Von Rainer Schauer

Die Alten, die schon längst nicht mehr sind, hatten einst an Stammtischen in rauchigen Wirtsstuben an warmen, grünen Kachelöfen die wahren Märchen von einem König erzählt. Winter war’s, und die Feldarbeit ruhte. In langen Nächten hatten sie mit gesenkter Stimme von verborgenen Geheimnissen und nie zu lösenden Rätseln gesprochen; in dunklen Andeutungen hatten sie sich ergangen, über ein Mordkomplott gemunkelt – damals vor 50, 60 und mehr Jahren. Einer der Alten, der nicht mehr ist, war Florian Enzensperger. Als einer der Zugführer der Schwangauer Feuerwehr wollte er mit seinen Kameraden im Unglücksjahr 1866 die Festnahme des für irrsinnig erklärten König Ludwig II. von Bayern verhindern. Und wenn der alte Enzensperger von jener Nacht auf dem Schloß über der Schlucht, von der schicksalsträchtigen Nacht auf Neuschwanstein erzählte, dann pflegte er seine Geschichte mit der stereotypen Wendung zu beenden: „Das ist die Wahrheit über unseren geliebten König, über den noch viel gelogen werden wird.“

Schwangau, Sommer- und Winterurlaubsziel im Ostallgäu, ist wie kein anderes Dorf des Freistaates mit dem Leben zweier bayerischer Könige verwoben – und mit deren Erbe: Schlösser, die die touristische Welt bewegen. Georg Grieser, Leiter des Fremdenverkehrsamtes, weiß, was seine Gemeinde Maximilian II. und seinem Sohn Ludwig II. zu verdanken hat. Er kennt alle Geschichten über sie, die von Florian Enzensperger ebenso wie die, die die anderen erzählt hatten, die Verstorbenen, die jetzt über dem See auf dem Friedhof von Waltenhofen liegen. Ludwig II. aber, der stirbt in Schwangau nie.

So erzählen auch heute wieder die Jüngeren ihren Kindern, wenn die es hören wollen, die Märchen über einen einsamen König, der ein Märchenprinz gewesen war – jung und schön und reich; feist und aufgedunsen später. Das aber sagt Georg Grieser nicht. Träume brauchen andere Wahrheiten. Solche aus mondhellen Winternächten, wenn am Dorf, an Schwangau, ein Schlitten vorbeiraste, schellenklingend und wie ein Spuk. Vier schnaubende Rösser mit wehenden Mannen wirbelten mit ihren Hufen kühl funkelnde Schneeschleier auf. Feuerreiter begleiteten die nächtliche Hatz, und das vom Zugwind gepeitschte Fackellicht hetzte gespenstisch zuckend über den weißen Weg und die kahlen Äste der Bäume. Im Schlitten der König, eingehüllt in warme Pelze – schlief er, träumte er, war er in Schwermut versunken, der menschenscheue König, der das Lachen verlernt hatte? Solche Herrscher vergißt ein Bürger nie.

An diesem König kommt im Schwangauer Land kein Urlauber vorbei, weder an seinen Schlössern, noch am Souvenirkitsch, noch an seinem Namen. Schwangau, das „Dorf der Königsschlösser“ (Eigenwerbung), erweist dem Wittelsbacher jede erdenkliche Referenz; zum ehrlichen Angedenken, aber auch zum eigenen Frommen. Ludwig II. ist überall. Auch in der Loipe. „Auf königlicher Spur – Skilauf im König-Ludwig-Land“ heißt ein neues Arrangement des Schwangauer Fremdenverkehrsamtes, das den Langlauf zu einer Stütze des Wintertourismus entwickelt hat. 14 Loipen werden ständig präpariert, und sie führen durch Märchenwälder wie dem königlichen Schwanseepark oder über flache Wiesen an barocken Kirchen vorbei. Die Spuren sind so angelegt, daß der Läufer ständig daran erinnert wird, wo er sich befindet. „Man kann fahren wie man will“, sagt Georg Grieser, „die Schlösser hat man dauernd im Blick.“ Auch während der Nacht, wenn gleißendes Scheinwerferlicht Neuschwanstein grellweiß und Schloß Hohenschwangau rechts davon ockergelb ausleuchtet. Dann sprechen die Urlauber von „Märchenschlössern“ und wie schön sie seien vor den dunklen Felsen und dem schwarzen Wald. „Manche sagen, das ist kitschig“, meint Georg Grieser. Und wenn dann noch der Mond hinter dem Säuling, dem Hausberg Schwangaus, steht, dann ist das Klischee perfekt. Aber eine Wahrheit ist es trotzdem.

Kitschig, so bezeichnen Kunstkritiker und -historiker auch Schloß Neuschwanstein über der Pöllatschlucht. Das aber tut dem Magnet des deutschen und internationalen Tourismus keinen Abbruch: Über eine Million Gäste besuchen jährlich den rückwärtsgewandten Traum eines Königs, der auf den aufwühlenden Wogen Wagnerscher Musik zurück ins Mittelalter glitt, in die Welt germanischer Heldensagen und edler Minne. Georg Grieser, der in ruhigen Winterzeiten gelegentlich auch selbst Führungen macht, sagt: „Man muß das alles als Kulisse sehen.“ Eine steinerne Kulisse für ein Königtum von Gottes Gnaden, byzantinisch beeinflußt, blattgoldig und in Brokat. Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, flitzten zum erstenmal die Schiffchen in den neuen mechanischen Webstühlen hin und her, fauchten die ersten Dampfmaschinen, keuchten die ersten Züge in Deutschland. In Neuschwanstein wurden Klingelanlagen von Siemens installiert und Geschirr von Villeroy & Boch eingekauft – Namen, die damals bereits die industrielle Revolution in Deutschland anzeigten. Ein Kontinent in der Industrialisierung und nach Revolutionen, die das politische Leben verändern sollten, und da baute ein König ein steinernes Reich, das nicht von dieser Welt sein konnte. Aber auch das war revolutionär. Fast beschwörend sagt Führer Grieser zu seiner Gruppe: „Kann denn ein König, der so denkt und baut, verrückt sein?“ Das mag der Wahnsinn sein, daß ein König die Macht für seine Träume opfert, verrückt ist es nicht.

Im Vorhof des Schlosses, von wo aus Ludwig II. seine nächtlichen Schlittenfahrten begann, haben Langläufer ihre Latten in den Schnee gerammt. Später werden sie nach Schloß Hohenschwangau hinabgleiten, das immer im Schatten Neuschwansteins stand, von Kunstkennern jedoch ungleich höher als das Kitschschloß eingestuft wird. Hohenschwangau, hier wuchs Ludwig II. auf, in Räumen, die alle von ihren Wänden die Sagenwelt der Germanen und des Mittelalters widerspiegeln. Hier, Hand in Hand mit Siegfried und Dietrich von Bern, soll Ludwig II. schon seinen Traum von Neuschwanstein geträumt haben, über das er 1865 an Wagner schrieb: „Und wenn wir beide längst nicht mehr sind, wird doch unser Werk noch der späteren Nachwelt als leuchtendes Vorbild dienen, das die Jahrhunderte entzücken soll...“ Ein Jahrhundert hat genügt, um zumindest die Hoteliers zu Füßen der Schlösser bereits in Verzückung zu versetzen: Dank Ludwig II. sind die alle wohlhabend und damit einflußreich geworden.