Von Uwe Weser

Budapest

Glattes Eis ein Paradies für den, der gut zu tanzen weiß“, sagt Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft. Wenn Jayne Torvill Und Christopher Dean ihren Eistanz begonnen haben, dann zählt in der Halle nichts mehr von dem, was gerade noch richtig gewesen ist. Dann kommt es nicht mehr darauf an, daß es einen Wettbewerb gibt, sagen wir um eine Europameisterschaft im Eiskunstlaufen. Oder daß es Preisrichter gibt oder Rivalen. Jayne Torvill und Christopher Dean spielen tanzend eine Geschichte. Oder tanzen sie diese Geschichte spielend?

Torvill/Dean machen beim Eistanz Dinge, die nicht erlaubt sind, Handgriffe, Hebungen, Drehungen. Das Reglement ist streng. Das Reglement ist nichts. Die Technik der beiden Engländer ist so geschliffen, daß von ihren Schlittschuhen kaum ein Kratzer auf dem Eis zu hören ist. Und wenn sie laufen, ist es totenstill im Publikum. Das Eistanz-Reglement ist nichts, weil sie es außer Kraft setzen. Als sie vor zwei Jahren die Liebesgeschichte des Broadway-Musicals „Mack und Mabel“ aufs Eis brachten, konnte jeder die Hingabe, die Erregung und den Horror in der Geschichte nachempfinden. Musik, Gedanken, Gefühle, aufgelöst in Schritte und Körperbewegungen, und neu formuliert.

Bei der Europameisterschaft in Budapest leisteten sich die beiden Briten die bisher größte Extravaganz. Statt in ihrer Kür den Richtern zum gewohnten musikalischen Potpourrie verschiedener Tänze und Rhythmen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu präsentieren, liefen sie vier Minuten lang ausschließlich zu dem dumpfen Dreivierteltakt von Ravels Bolero.

Vor einem Jahr spielten sie bei der Weltmeisterschaft in Helsinki eine Zirkusgeschichte, „Barnum on Ice“. Wie im richtigen Zirkus war die Illusion die Wirklichkeit. Jongleure traten auf, Artisten zitterten auf dem Seil, Zauberer, die ein Beinpaar verschwinden und wieder auftauchen ließen, Pierrots, die ihre Gesichter weißten. Das alles kann man wirklich tanzen. Anschließend hatten die neun Preisrichter neunmal 5,9 und neunmal die Höchstzahl 6,0 gezogen. Und hätte es der Logik des Wettbewerbs nicht widersprochen, den Sieger festzulegen, noch ehe der Wettkampf zu Ende war, Torvill/Dean hätten ausschließlich 6,0 erhalten. Auf die Noten kam es nicht an. Und was ging es das Publikum schon an, daß sie vorher von einem Artisten lernen mußten, ein Jongleur schaut niemals auf die Bälle, sondern fest auf den Punkt, indem sich ihre Flugbahnen schneiden.

Damals erzählten beide, daß es ein wundervolles Gefühl für sie gewesen und daß es ihnen gar nicht um den Wettkampf gegangen sei. Der Wettbewerb, das waren die anderen, die um die Plätze zu laufen hatten. „Ganz interessant, auszuprobieren, was man im Rahmen des Reglements alles machen kann“, sagte Christopher Dean. Nur hatten sie die festen Umrisse dieses Rahmens aufgelöst. Und Betty Callaway, ihre Trainerin, erklärte, sie hätten gerade erst begonnen, ihre Möglichkeiten zu entdecken. Da standen die drei Engländer. Fest im Kreuz, knapp mit den Worten und klaren Blickes den reizvollsten Gegensatz bildend zu der Illusion, die sie doch gerade erst erzeugt hatten, und die Illusion begann noch einmal.