Von Alfred Brendel

Es ist hier von einem Stiefkind die Rede: der Live-Aufnahme. Zwischen dem Konzert und der Studioaufnahme, den beiden offiziell abgesegneten Spielarten musikalischer Erfahrung, kommt das Konzert auf der Schallplatte bisher zu kurz.

Über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Konzert und Studioaufnahme ist viel diskutiert worden. Ich möchte hier meinen eigenen Katalog von Differenzierungen anbieten (wobei sich der Konzertsaal natürlich zum Studio wandeln kann, wenn darin Schallplattensitzungen stattfinden):

  • Im Konzertsaal wird einmal, im Studio, wenn nötig, mehrmals gespielt; dort muß man sofort überzeugen, hier zählt das zusammengefügte Resultat.
  • Im Konzertsaal erlebt man die Aufführung nur einmal, im Studio ist sie reproduzierbar.
  • Im Konzert sind Korrekturen unmöglich, der Spieler (oder die Spielerin) muß „durchkommen“. Im Studio kann er (oder sie) korrigieren, dazulernen und nervöse Ängste ausschalten.
  • Vor dem Publikum muß der Spieler vier Dinge zugleich tun: er muß sich das Stück vorstellen, es spielen, es projizieren und es anhören; im Studio hat er Gelegenheit, nach dem Spielen seine Aufführung wiederzuhören und darauf zu reagieren.
  • Im Konzert gilt der „große Zug“, das Studio verlangt die Übersicht über ein Mosaik; es gewährt die Gunst des Sichfreispielens, birgt aber auch die Gefahr eines Nachlassens der Frische. Qual der Wahl zwischen mehreren Aufnahmen stellt sich ein.
  • Vor dem Publikum werden Details in die Tiefe des Saales geschickt im Sinne des Schauspielers, dessen Flüstern auch den entferntesten Plätzen verständlich bleiben will. Vor den Mikrophonen bemüht man sich eher Um die Zurücknahme von Übertreibungen, auf der Suche nach einer Version, die oftmaligem Hören standhält.
  • Im Konzertsaal ergibt sich dank der Konzentration des Publikums eine Art Wechselwirkung. Im Studio ist niemand da, der bezwungen werden muß, aber auch niemand, der stört. Der Spieler sitzt gleichsam in einer Gruft.
  • Im Konzert kann ein Hustenanfall im zartesten Moment, das zirpende Wecksignal der Armbanduhr, den Bann brechen; das Studio bewahrt Stille. • Unausgewogenheiten im Konzert beruhen eher auf Spontaneität, Konzentrationslücken und nervösem Überdruck, die des Studios eher auf allzugroßer kritischer Bewußtheit.
  • Vor dem Publikum ist die Überzeugungskraft durchaus nicht an absolute Perfektion gebunden. Im Studio herrscht eine Ästhetik des Waschzwangs.

Dies alles sind Beobachtungen aus der Perspektive des Spielers. Aus der Sicht des Konzert- oder Plattenhörers sei hinzugefügt, daß im Konzert physische Präsenz im Spiele ist, während die „reine Musik“ der Schallplatte keine Berührungsangst auslöst. Ferner, daß im Konzertsaal der Klang den Hörer unretuschiert und scheinbar unvermittelt erreicht (die Vermittlung besorgt lediglich die Akustik des Raumes), der Klang der Aufnahme hingegen von der Klangregie bestimmt wird. Die musikalische Wirkung bleibt abhängig von Faktoren wie Schnitt, Balance und Hall und den Eigentümlichkeiten der Abspielgeräte. Und schließlich: im Konzert muß nicht nur der Spieler sein Stück ganz durchspielen, sondern auch der Hörer es zu Ende hören. (Selten verläßt jemand während des Spielens den Saal, aus Rücksicht auf die Konzentration aller. Dies gehört zu den stillschweigenden Übereinkünften eines gebildeten Publikums.) Beim Hören der Schallplatte kann man die Musik abstellen, in Raten anhören oder Stichproben machen; man kann sich bewegen, reden, essen, seufzen – mit einem Wort, man benimmt sich wie zu Hause. GENAUIGKEIT UND SEELE

Das totgesagte Konzert lebt in den dafür geschaffenen Sälen weiter und bleibt, Glenn Gould zum Trotz, der eigentliche Tatort des Musizierens. Ich will nicht dogmatisch sein und bereitwillig zugeben, daß es auch Konzerte gibt, die von allen guten Geistern verlassen sind, und Schallplatten von elektrisierender Lebendigkeit. Dennoch entspricht es der musikalischen „Machart“, daß im Konzert Spontaneität, Spannung und Risiko, im Studio hingegen Überlegung und überlegene Methode eher den Ton angeben. An Robert Musik „Generalsekretariat für Genauigkeit und Seele“ im „Mann ohne Eigenschaften“ anknüpfend, möchte man sagen, daß dem Studio die Genauigkeit leichter fällt als die Seele. Mit der Studioaufnahme hat nicht nur die Erreichbarkeit der Musik, sondern auch die Präzision des Hörens im Detail, auch des Sich-Selbst-Hörens der Musiker, über die Maßen zugenommen. Die Schallplatte hat, im Verein mit dem Einfluß moderner Urtextausgaben und den Ansprüchen zeitgenössischer Musik, die Hörgewohnheiten umgepflügt. Es läßt sich aber nicht verschweigen, daß ihre Wirkung auf den Spieler nicht nur reinigend, sondern auch sterilisierend, nicht nur sammelnd und klärend, sondern auch hemmend und vereisend sein kann. Der Interpret, der auf Sicherheit hinspielt, wagt weniger an Schwung, Tempo und Selbstvergessenheit. Die Schallplatte setzt heute Maßstäbe einer Perfektion des mechanischen, nicht des musikalischen Ablaufs, die der Konzertsaal selten bestätigt. Sie bringt Künstler hervor, die im Konzert im Sinne einer Schallplatte spielen, weil sie vom Hörer befürchten, daß er ihnen wie einer Schallplatte zuhört. Das Konzert hat jedoch anderes zu sagen und sagt es anders. Nachdem wir Plattenhörer und Studio-Höhlenbewohner so viel von der Studioaufnahme gelernt haben, scheint es an der Zeit, wieder einmal beim Konzert in die Schule zu gehen.