Von Bernhard Schulz

Wer nichts vom Bügeleisen versteht, hält sich für humanistisch gebildet", meinte der Regierende Bürgermeister launig bei der Eröffnung des Berliner "Museums für Verkehr und Technik Es will solchem Dünkel nicht nur durch die Darstellung der Geschichte der Technik und ihrer industriellen Nutzanwendung, sondern auch durch ein "Versuchsfeld" physikalischer Experimentierstationen abhelfen.

Berlin müßte demnach seit Kriegsende von Humanisten regiert worden sein. Denn so entschlossen und umfassend die Wiederbegründung und Neuausstattung der kunstgeschichtlichen und völkerkundlichen Museen betrieben worden ist, so wenig tat sich auf dem Gebiet der Technik. Von den ungefähr hundert Museen und Sammlungen aller technischen Disziplinen, die in Berlin einst beheimatet waren – darunter superlativische Institute wie das älteste Post- und das größte Luftfahrtmuseum der Welt –, haben die wenigsten den Krieg überstanden. Was nicht von Bomben zerstört wurde oder an den Auslagerungsorten verlorenging, wurde vergessen und, wie die Reste des Photomuseums noch 1975, verschleudert.

Standort als Signum

Das ist ebenso erstaunlich wie bezeichnend für das lädierte Selbstverständnis Berlins. Denn die Geschichte der Stadt ist wie die keiner anderen in Deutschland mit der Entwicklung von Naturwissenschaft, Technik und Industrie verknüpft. Doch erst jetzt, wo der Niedergang der Berliner Wirtschaft, der etwa die Zahl der gewerblichen Arbeitsplätze allein in den letzten fünfzehn Jahren auf nur noch 150 000 halbiert hat, fast unaufhaltsam geworden ist, scheint das Bewußtsein der engen Verflechtung von Stadt und Industrie wieder zu erwachen. Dem trägt die Konzeption des neuen Museums für Verkehr und Technik Rechnung, das einen dritten Typ von Technikmuseum verkörpert. Nicht die Sammlung ingenieurgeschichtlicher Unikate – wie im Pariser "Conservatoire des Arts et Métiers" – noch die im selbstbewußten Stolz technischen Fortschritts angelegte Lehr- und Schausammlung – wie im Münchner "Deutschen Museum" – wird in Berlin angestrebt, sondern die Integrierung von Technik-, Industrie- und Sozialgeschichte, Eine ungebrochen optimistische Technikshow, das weiß der von der Isar an die Spree gewechselte Gründungsdirektor Gottmann, paßt nicht in eine Stadt, die in den letzten Jahrzehnten – unfreiwillig – so etwas wie ein Seismograph geistiger und kultureller Umbrüche und Bewußtseinskrisen geworden ist.

Die Lage des neuen Museums ist geradezu ein Spiegelbild dieser speziellen Berliner Befindlichkeit, In einer Sackgasse zwischen einer abgasgesättigten Durchgangsstraße, dem seit dem Mauerbau bedeutungslos gewordenen Umsteigebahnhof Gleisdreieck der (hier oberirdischen) U-Bahn und einem in verfallenden Schuppen teils genutzten, teils zur ökologischen Wildnis gewordenen Güterbahnhof gelegen, ist der Standort von vornherein Signum wie auch Bestandteil der Museumskonzeption. Aufstieg und Niedergang der Industrie, Erfolg und Menetekel der Technik, Wohlstand und Massenelend, Befreiung und Entfremdung: beide Seiten der Medaille sollen zur Sprache kommen, ohne einander zu denunzieren.

Noch präsentiert sich das Museum erst andeutungsweise – kein fertiges Glanzstück, sondern eine Sammlung im Aufbau. Von den geplanten 20 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind gerade erst 1800 fertiggestellt, von den auf bis zu 200 Millionen Mark geschätzten Gesamtkosten 17 Millionen für den ersten Bauabschnitt ausgegeben und 11 Millionen für den nächsten bewilligt. Das Herzstück des 1979 beschlossenen und 1982 offiziell gegründeten Museums bildet das ehemalige Fabrik- und Verwaltungsgebäude der "Markt- und Kühlhallengesellschaft", die um die Jahrhundertwende Stangeneis lieferte. Aus verwahrlostem Zustand denkmalpflegerisch restauriert, kommt jetzt ein hervorragendes Beispiel Berliner Industriearchitektur wieder zum Vorschein. Kein chrom- und glasblinkender Bau nach dem Muster amerikanischer "Science Centers" öffnet sich dem Besucher, sondern ein geschickt genutzter Gewerbehof, unter dessen zahlreichen Aufgängen die breit ausladende Pferdetreppe zu den Stallungen im Obergeschoß eine Rarität ersten Ranges ist.