Das ist Theater: Hamlet, über Sein oder Nichtsein sinnend; Romeo, Fräulein Julias Balkon erklimmend; der Marquis Posa, Gedankenfreiheit fordernd. Gretchen im Kerker, Ophelia im Wasser, Klara im Brunnen. Im Theater, worin sich dieses sehr vom Leben unterscheidet, geht es immer ums Ganze, um die letzten Dinge.

Doch auch das ist Theater: Der Dänenprinz hat sich in den Osterhasen verwandelt, auf dem Rücken trägt er den Eierkorb. Oder auch das: Romeo und Julia haben überlebt, ein Zaubertrank hat sie in sechzigjährigen Schlaf versetzt. Nun, erwacht und jung geblieben, bekommen sie das Kind ihrer Liebe: Der Säugling ist ein Greis ...

Auch dieses Theater geht immer aufs Ganze. Doch statt um Sein oder Nichtsein, Gedankenfreiheit oder Wahnsinn geht es scheinbar nur noch um nichts. Es ist das Allerletzte. Der Triumph des Schwachsinns, das Leben ein Schmarrn. Auf dem Theater vernichtet das Theater sich selber – die moralische Anstalt ist geschlossen.

Die Berliner Schaubühne entdeckt die Miniaturdramen des Franzosen Pierre Henri Camil Das Zürcher Schauspielhaus führt ein Stück des ominösen Fritz von Herzmanovsky-Orlando auf: "Baby Wallenstein oder Prinz Hamlet der Osterhase oder Selawie". Premiere an Silvester. Zur nämlichen Stunde feiert auch das Hamburger Schauspielhaus krachend das Ende des alten Jahres: mit Jacques Offenbachs Operette "Die Großherzogin von Gerolstein".

Gerade unsere ehrwürdigsten Bühnen also stürzen sich kopfüber ins nichtswürdige Amüsement. Zart und melancholisch (und sehr ausführlich) schickt die Schaubühne Camis französische Kleinbürger in ihre lächerlichen Abenteuer, in ihr jämmerliches Ende. Hans Hollmanns Inszenierung von "Baby Wallenstein" dagegen ist eine gnadenlose Exekution. Strafgericht über eine rettungslos vertrottelte Welt. Entsetzliches Theater, entsetzlich komisch. Wie sich die Schauspieler burgtheaterlich blähen, expressionistisch recken, jugendstilhaft ranken – es ist eine Enzyklopädie verkommener, sinnloser Theatergebärden.

Hollmann demonstriert, was das Theater des Schwachsinns ist: kein netter Verwandter des Boulevard, kein Abkömmling der Operette; nichts zum Schmunzeln, Schunkeln und Gemütlichsein. Sondern ein Anschlag auf das Theater des Tiefsinns. Ein Theater der letzten Tage: Tod und Gelächter allen schmachtenden Prinzen, stotternden Liebhabern, schwindsüchtigen Schönen. Tod dem Theater, es ist genug.

Oder fängt alles bloß wieder von vorne an? Das höhnisch gemordete, dem tödlichen Spott preisgegebene Theater – feiert man sein Begräbnis oder das Fest seiner Auferstehung? Mordet der Schwachsinn den Tiefsinn, oder macht er ihn wieder erträglich?