Die Stockholmer Konferenz: Komplott der Kleinen

Von Christoph Bertram

Stockholm, im Januar

Die westliche Allianz sei selten so harmonisch aufgetreten wie jetzt in Stockholm. Dahinter ist zum einen die Erleichterung zu spüren, daß das Bündnis die schwere politische Prüfung Nachrüstung verhältnismäßig unzerzaust überstanden hat. Zum anderen aber entstammt die Harmonie der Überzeugung, daß es so schlimm schon nicht kommen werde im Ost-West-Verhältnis. Diesem Optimismus hat Präsident Reagan am Wochenanfang mit seiner maßvollen Rede weiteren Auftrieb gegeben.

Da mag allerhand Wunschdenken mitspielen, doch eines ist wohl richtig: Die politische Eiszeit zwischen den Großen hat nicht zu einer völligen Erstarrung der Ost-West-Beziehungen geführt. Nicht das gesamte Gelände ist von Gletschern bedeckt; dazwischen gedeiht manches an europäischer Zusammenarbeit – von Milliarden-Krediten bis zu Mammutkonferenzen. Anders als in früheren Ost-West-Krisen hat die Verspannung zwischen den Weltmächten ihre Verbündeten nicht in die Disziplin der Sprachlosigkeit gezwungen, sondern sie im Gegenteil beflügelt, die Großen wieder an einen Tisch zu bekommen.

Für diese Haltung der Europäer gibt es viele Gründe. So bestimmt der Wunsch, die unpopuläre Nachrüstung innenpolitisch abzusichern, gewiß den Bonner Außenminister Genscher zu seiner rastlosen Optimismus-Diplomatie. Aber der entscheidende Grund liegt tiefer. Die Krise der beiden Großen ist, allen Befürchtungen zum Trotz, bisher eine politische geblieben. Ost und West stehen nicht vor einem militärischen Zusammenstoß. Wachsende Probleme im Innern und die Wiedererstarkung des amerikanischen Rivalen drängen Moskau zur Vorsicht – einer Vorsicht, der sich ja auch das Amerika Ronald Reagans trotz mancher verbaler Schärfen im großen und ganzen befleißigt.

Insofern hat der amerikanische Präsident recht mit seiner Behauptung, die Welt sei heute ein sicherer Ort – trotz der ungebrochenen Rivalität der beiden Großen. Und deshalb reagieren die Kleinen auch nicht mit der Panik der Küken, die bei drohender Gefahr unter dem Gefieder der Supermacht-Henne Schutz suchen, sondern nutzen selbstbewußt die Kontaktlosigkeit der Großen zu eigener Diplomatie.