In den Jahren 1944/45 wurde die Ostsee Schauplatzdes größten Rettungswerkes der Seegeschichte. Das hat jetzt beschrieben und dokumentiert:

Heinz Schön: „Ostsee ’45 – Menschen, Schiffe, Schicksale“; Motorbuch Verlag, Stuttgart 1983; 695 S., 64,– DM,

Auf 1081 Schiffen der Kriegs- und Handelsmarine wurden Flüchtende in westliche Häfen gebracht. Durch Bomben, Torpedos, Minen verlor allein die Handelsmarine 245 Schiffe, und 33 082 Menschen fanden den Tod in der Ostsee. Auf dem Landweg vermochten sich aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern etwa 500 000 Menschen zu retten. Doch zweieinhalb Millionen mußten über die See. Eine Landflucht wäre nicht mehr möglich gewesen.

Die Tragödie „Ostsee ’45* bahnte sich durch 250 sowjetische Divisionen an, die zur deutschen Ostgrenze vorrückten. Infolgedessen brach ein ganzes Land auf und floh. Viele, zumeist aus dem Raum Königsberg und dem nördlichen Ostpreußen, wählten den Weg zur Seestadt Pillau. Hier warteten schon Zigtausende auf den Weitertransport. Jedes Schiff, selbst eine Nußschale, würden sie besteigen, um fortzukommen. Wenigstens Gotenhafen, Hauptstützpunkt der Marine, hofften, sie zu erreichen. Dort soll es Schiffe geben, die weiter nach Swinemünde, Flensburg, irgendwohin in den Westen fahren, raunte es am Pillauer Kai...

Von Ende Januar an strömen Menschenmassen auf die Dampfer „Wilhelm Gustloff“, „Hansa“, „Deutschland“, auf die „Cap Arcona“, „Hamburg“. Marinehelferinnen werden im Schwimmbad des früheren Luxusdampfers „Wilhelm Gustloff“ einquartiert. Das Bad befindet sich im letzten Deck, 7 Meter unterm Wasserspiegel, Am 30. Januar, 12.30 Uhr, verläßt die „Gustloff“ im Geleit Gotenhafen. Mit über 6000 Menschen an Bord zieht sie ihren Weg durch den Schneesturm. Um 21.15 Uhr passiert sie Stolpmünde. Um 21.16 Uhr treffen das Schiff 3 Torpedos des sowjetischen U-Boots S-13. Sie reißen das Schiff auf. Die einbrechende See löst ein Chaos aus. „Schiff sinkt sehr schnell – brauchen sofort Hilfe.“ Der Funker ahnt, daß er mit seinem lädierten Gerät allenfalls das Vorausboot „Löwe“ erreichen kann. Die letzten Minuten der „Gustloff“ beginnen. Unter denen, die im Wasser treiben, ist das Besatzungsmitglied Peter Schiller. Er ahnt nicht, daß die herbeigeeilte „Löwe“ die wenigen Überlebenden der „Gustloff“ aus der See bergen wird.

„Peter Schiller“ ist das Pseudonym für den Verfasser des Buches. Als Geretteter begann er nach Kriegsende mit der Forschungsarbeit um die Ostsee 1945. Er befragte Kapitäne, Schiffsoffiziere, Flüchtlinge, Verwundete. Er wertete deutsche und ausländische Archive aus; auch die russischen standen zur Verfügung. Dem Untergang der „Gustloff“ folgen Berichte vom Schicksal der „Steuben“, der „Goya“, „Cap Arcona“ und der kleineren Schiffe, Boote, Flöße. – Ein umfangreiches Quellenverzeichnis und eine Übersicht der eingesetzten sowie der verlorenen Schiffe beschließen das Buch.

In der Liste „Spitzenleistungen deutscher Handelsschiffe“ finde ich an zweiter Stelle die Hamburger „Eberhard Essberger“ mit zwölf Fahrten genannt. Durch diese Fahrten rettete das Schiff 66 550 Schwerverwundeten, Frauen und Kindern das Leben. – Ein Kind war ich.

Esther Knorr-Anders