Von Nina Grunenberg

Kreuth, das Kürzel für die alljährlichen Einkehrtage der CSU-Bundestagsabgeordneten in der Abgeschiedenheit der Tegernseer Berge, verlief ohne Aufregung. In ihren Reflexionen über Bayern, Deutschland und den Rest der Welt ließ die CSU Einsicht und Milde walten. Zum Teil entsprach ihre Zurückhaltung bloßer politischer Opportunität. Am 18. März stehen in Bayern Kommunalwahlen an. Da verbietet sich Streit von selbst, zumal sich die örtlichen Funktionäre der CSU schon sehr früh und gehörig gegen jede Art von Zündelei vor dem Wahltag verwahrt haben. Die durch den Regierungswechsel in Bonn hervorgerufenen Gefühlsschwankungen von Franz Josef Strauß und seinen Münchner Mitstreitern hatten die Ruhe und Geduld der kleinen Parteiarbeiter im Weinberg der CSU auf eine harte Probe gestellt. Die Aufräumarbeiten, die sie nach dem im Sommer letzten Jahres auseinandergelaufenen Parteitag leisten mußten, als Franz Josef Strauß sich wegen des von ihm eingefädelten DDR-Kredits mit seiner Partei überwarf sind bei ihnen noch nicht vergessen.

Dabei droht nirgendwo ernsthaft Gefahr: Die Mehrheiten der CSU sind nach wie vor unmäßig. Doch hat der jahrzehntelange Erfolg auch einen Preis, der anfängt, aufzufallen. Dazu zählen nicht nur die Parteiaustritte und die Neugründung des Bundestagsabgeordneten Franz Handlos, dessen "Republikaner" zum Sammelbecken der unzufriedenen Rechten werden sollen. Auf kommunaler Ebene schlägt sich die Partei vielerorts mit Streitereien herum, deren Anlässe nichtig sind, aber deren Austragungsmodalitäten überraschend verbissen wirken. Da zeigen sich Verschleißerscheinungen, die den Eindruck machen, als schaffe sich die CSU in Ermangelung eines gleichwertigen Gegners – die SPD ist das in Bayern nicht mehr – ihre eigene innerparteiliche Opposition. Wie immer war der Parteivorsitzende der erste, der die Zeichen deutete. Vor dem Parteitag der CSU von Oberbayern prangerte Strauß am Samstag in Ingolstadt "Profilsucht, Gehässigkeit, Rivalität, übertriebenen Ehrgeiz oder die Sucht, von sich reden zu machen" an.

Vor der CSU-Landesgruppe mußte er den inneren Frieden indessen nicht ernst anmahnen; die Abgeordneten brachten ihn schon mit ins Kreuther Schloß. Dazu trug auch das reine Gewissen bei, mit der sie die Affären auf der Bonner Szene betrachten konnten: Für diesmal mußten sie sich von keiner direkt betroffen fühlen. Nach einem Telephongespräch, das Strauß mit General Kießling führte und über dessen Inhalt er Schweigen bewahrte, erwähnte er vor der Landesgruppe nur "sorgen- und teilnahmsvoll" – so ein Zuhörer –, wie schmerzlich er selber schon das mangelhafte Ermittlungstalent des Militärischen Abschirmdienstes erfahren habe.

Für den gelungenen Rest der Einkehrtage sorgte der Landesgruppenvorsitzende Theo Waigel. Seme erklärte Politik ist es, Streit zum höheren Ruhme Bayerns nur dann anzufangen, wenn er sachlich notwendig ist. Die Angst um das eifersüchtig gehütete CSU-Profil schwand unter seiner Führung im gleichen Maße, wie sich die CSU in Bonn ihr eigenes Operationsfeld als Regierungspartei schuf. Ein wichtiger Punkt der Kreuther Beratungen waren deshalb auch die Steuererleichterungen zugunsten kleinerer und mittlerer Einkommen, mit denen die CSU unterstreichen möchte, wie ernst sie es mit ihrer Familienpolitik meint.

Kreuth ist ein Mythos, seit die CSU-Landesgruppe 1976 dort vorübergehend einmal die Trennung von der CDU beschloß. Seit acht Jahren lebt sie ihrer eigenen Legende hinterher, ohne sie je wieder erreicht zu haben.