Von Julius H. Schoeps

Wenige Wochen vor seinem Tod im Juni 1965 veröffentlichte der berühmte jüdische Religionsphilosoph Martin Buber in der englischsprachigen israelischen Zeitschrift New Outlook einen Aufsatz, der als eine Art politisches Vermächtnis gelten kann. Unter der Überschrift „Es ist an der Zeit, einen Versuch zu machen!“ plädierte Buber für einen neuen Anlauf in den wechselvollen Bemühungen um eine jüdisch-arabische Verständigung. „Es besteht“, hieß es in dem Aufsatz des Siebenundachtzigjährigen, „für mich kein Zweifel daran, daß es die Schicksalsfrage des Nahen Ostens ist, ob eine Verständigung zwischen Israel und den arabischen Völkern zustande kommt, solange noch eine Möglichkeit dazu besteht. Damit ein so großes, fast präzedenzloses Werk gelingt, ist unerläßliche Voraussetzung, daß geistige Vertreter der beiden Völker miteinander in ein echtes Gespräch kommen, in dem sich gegenseitige Aufrichtigkeit und gegenseitige Anerkennung verbinden. Diegeistigen Vertreter müssen in vollem Sinne des Wortes unabhängige Menschen sein, Menschen also, die durch keinerlei Rücksicht gehindert werden, der Sache, die sie als wahr und gerecht erkannt haben, rückhaltlos zu dienen“.

Buber hat sich zeit seines Lebens gegen Behauptungen gewendet, die Gegensätze zwischen arabischen und zionistisch-jüdischen Positionen seien unüberbrückbar. Die hierzu in deutsch und hebräisch geschriebenen, jetzt zum ersten Mal gesammelt und kommentiert vorliegenden Reden, Briefe, Zeitungsartikel und Aufsätze

Martin Buber; „Ein Land und zwei Völker. Zur jüdisch-arabischen Frage“, hrsg. und eingel. von Paul R. Mendes-Flohr, Insel Verlag, Frankfurt 1983; 382 S., 42,– DM

lassen erkennen, daß es Buber im Konflikt zwischen Juden und Arabern stets um das „Miteinander“, nicht um das „Gegeneinander“ gegangen ist – entsprechend seiner Philosophie des Dialoges, die darum bemüht war, „Ich“ und „Du“ zusammenzubringen, die eine Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen stiften, eine Gemeinschaft schaffen wollte, in der „alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen“.

In der Geschichte des Zionismus sind unbestreitbar Fehler gemacht worden, was das Araberbeziehungsweise Palästinenserproblem angeht, Theoretisch hätten sich die zionistischen Pioniere der Frühzeit mit den in Palästina lebenden Arabern arrangieren können, jedoch nur, das muß einschränkend gesagt werden, wenn sie die Notwendigkeiten des Ausgleichs wirklich eingesehen hätten. Viele Unstimmigkeiten wären dadurch vermieden und manche Probleme, die heute den israelisch-arabischen Konflikt als unlösbar erscheinen lassen, aus der Welt geschafft worden. Die zumeist aus Europa stammende zionistische Führung war jedoch, das wird in den gegenwärtigen Debatten allzuoft übersehen, von der illusionären Vorstellung bestimmt, in einem politischen Vakuum zu agieren.

Bezeichnend ist der Ausspruch, den ein führender Vertreter der Bewegung 1897 gegenüber Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, getan haben soll; „In Palästina gibt es ja Araber! Das wußte ich nicht! Wir begeben also ein Unrecht!“ Die Geschichte mag erfunden sein, doch charakterisiert sie die Einstellung der zionistischen Führung, die Palästina für ein leeres Land hielt, das nur darauf wartete, von jüdischen Siedlern kolonisiert und kultiviert zu werden. Die Möglichkeit einer einheimischen Opposition wurde völlig übersehen.