In einem Artikel für die Nachrichtenagentur „Nowosti“ zieht der sowjetische Chefunterhändler bei den gescheiterten Genfer Verhandlungen über die Mittelstreckenraketen Bilanz: Julij Kwizinskij wirft seinem amerikanischen Widerpart Paul Nitze „Tricks“ vor und widerspricht der westlichen Version des berühmten „Waldspaziergangs“; Auszüge aus seinem Artikel:

Die USA strebten und streben keine ehrliche Übereinkunft über eine Reduzierung der Kernwaffen in Europa an. was heute die amerikanische Seite über die sowjetischen Vorschläge und die sowjetische Position bei den Genfer Verhandlungen auch sagen mag, kann nicht über das Wichtigste hinwegtäuschen, nämlich über den grundsätzlichen Unterschied im Herangehen der UdSSR und der USA an das Problem der europäischen Nuklearrüstungen ...

Nitze befolgte bei den offiziellen Verhandlungen die ihm vorgeschriebene obstruktionistische Linie, zeigte aber bei den inoffiziellen Kontakten auch Anzeichen eines realistischen Herangehens. Vielleicht wollte Nitze selbst einen Ausweg finden, es ist aber auch möglich, daß manch einer seine inoffiziellen Aktivitäten einfach als Tarnmantel benutzte, in der Hoffnung, den Eindruck zu erwecken, als besitze die amerikanische Position Konstruktivitätsreserven. Übrigens schließt das eine das andere nicht aus. Jedenfalls wurden alle inoffiziellen Vorschläge Nitzes von Washington nur für propagandistische Inszenierungen ausgenutzt. Und jedesmal nahm Nitze selbst an diesen Inszenierungen aktiv Anteil.

So war es mit dem „Waldspaziergang“, dem inoffiziellen Gespräch vom 16. Juli 1982, als Nitze seine Variante der „Paketlösung“ vorschlug, die folgendes vorsah: die Stationierung einer beträchtlichen Zahl amerikanischer Cruise Missiles in Europa und eine große Reduzierung der sowjetischen Raketen, den Verzicht der Sowjetunion auf die Einbeziehung der Nuklearrüstungen Englands und Frankreichs, rein symbolische Reduzierungen der amerikanischen und starke Reduzierungen der sowjetischen Fliegerkräfte, die Fixierung des mehrfachen Übergewichts der Nato über die UdSSR bei den Nuklearraketen mit einer Reichweite von weniger als 1000 Kilometer und sogar eine Reduzierung der sowjetischen SS 20 im Osten.

Diese Variante war nach allen ihren Parametern für die sowjetische Seite unannehmbar. Darum wurde Nitze gleich gesagt, daß sie entweder in vollem Umfang abgelehnt oder einer ernsten Korrektur unterzogen werden wird. Nitze nahm aber einige unbedeutende Veränderungen an seiner Variante vor und stellte sie in Washington als mit dem Leiter der sowjetischen Delegation „abgestimmt“ hin.

Am 29. September desselben Jahres zog Nitze seine Vorschläge überhaupt zurück mit der Erklärung, daß das Pentagon Einwände dagegen erhoben hätte, denn es wolle nicht auf die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Europa verzichtet. Sowjetischerseits wurden bei diesem Treffen die Voraussetzungen bekräftigt, denen ein dem Prinzip der Gleichheit und der gleichen Sicherheit entsprechendes Abkommen gerecht werden sollte.

Wenn die amerikanische Seite die Angelegenheiten ehrlich betrieben hätte, so wäre damit die Frage des „Waldspaziergangs“ erledigt gewesen. Einige Monate danach wurde die entstellte Lesart des „Waldspaziergangs’ mit dem unverkennbaren Ziel publik gemacht, die Unterbreitung der amerikanischen „Zwischenvariante“ vorzubereiten und bei den US-Verbündeten und der Öffentlichkeit Westeuropas den falschen Eindruck zu erwecken, daß diese Variante nicht ein Weg in die Sackgasse, sondern ein Weg zu einer Übereinkunft sei. Die USA konnten natürlich nicht damit rechnen, mit einem solchen Trick die Sowjetunion in die Irre zu führen. Aber ihre Verbündeten haben sie hinters Licht geführt.