Heidelbergs Studentenkarzer in der Alten Universität ist seit Jahren Touristenattraktion. Wo Leute Kameras klicken, vollzog allerdings bis zum Ersten Weltkrieg der Amtmann universitäre Gerichtsbarkeit. Wandsprüche erinnern daran, beklagen „Polypen von hinten und von vom“. „Des Amtmanns Sinnen ist finster und bös. Der Herrgott uns von ihm erlös“, steht zu lesen.

1790 wurde das Gefängnis zum erstenmal benutzt. Aufmüpfige Studenten lochte der Universitätsamtmann auf Befehl des Rektors drei bis vierzehn Tage ein, meist, wenn sie betrunken Polizisten gehänselt hatten. Bei Wasser und Brot zu Karzer verurteilt zu werden, galt früher nicht als Schande. Außerdem sorgte sich die Universität um das geistige Fortkommen der Inhaftierten: Vorlesungen durften besucht, Mitgefangene gesprochen und... offensichtlich Wände bemalt werden. So füllten sie denn Mauern, Decken, Holzbalken, Mobiliar und Türen mit ihren Bildern, Gedanken und manchmal auch trunkenen Pöbeleien.

Wer heute in den Karzer kommt, kommt freiwillig – auf Sightseeing-Tour. Jedoch das Vorbild der Studenten animierte: In die alten Kritzeleien mischten sich immer mehr moderne Schriften und plötzlich auch Schriftzeichen, die man hierzulande kaum zu deuten weiß – zehn Prozent der Heidelberg-Touristen sind Japaner.

Eines Tages nun traf ein Brief bei der verdutzten Universitäts-Spitze ein: Der Pressesprecher einer japanischen Universität hatte beim Deutschlandbesuch die „Kritzeleien“ seiner Landsleute gesichtet. Er fühle sich beschämt, meinte der Schreiber und bot finanzielle Hilfe beim Übermalen an. So höflich Heidelberg auch dankte, um so höflicher wiederholte sich die Bitte. Und so rückten kürzlich die Maler den Zeichen zu Leibe und polierten – mit japanischem Zuschuß die Karzerkritzeleien wieder in ihren alten Zustand. Gerüchte kreisten um angeblich anzügliche Texte. Doch eine flugs herbeigerufene des Japanischen kundige Studentin fand derlei Zeichen nicht: Nur von Honeymoon war die Rede. MS