Von Tom R. Schulz

Auch heute noch lese ich lieber Kriminalromane als Wittgenstein.“ Dieser Satz stammt natürlich von einem, von dem man ihn am allerwenigsten erwartet hätte, von Jean Paul Sartre. Ehrliche Philosophen sind selten. Wer offen zugibt, daß er sich lieber an spannender Unterhaltung delektiert als an geisteswissenschaftlichen Traktaten, muß sich das entweder leisten oder sein Faible wenigstens intellektuell begründen können. Man liest dann Raymond Chandler, um Amerika zu verstehen, Georges Simenon, um Frankreich zu verstehen, und Eric Amblet, um die Welt zu verstehen.

Aber solche Geständnisse bleiben heikel. In Deutschland ist Unterhaltung in den sich gebildet nennenden Kreisen ein Begriff, der das eigene kulturelle Niveau deklassiert. Kriminalromane sind eigentlich tabu, das Boulevard-Theater ein Laster und die Liebe zum Musical zwar nicht ganz so abwegig wie die zur Operette, aber doch nur schwer entschuldbar. Alle diese Genres sind unter dem intellektuellen Niveau, seicht, platt, ablenkend vom Wesentlichen und was der Attribute mehr sind. Viele Kritiker verhalten sich gegenüber diesen populären Erscheinungsformen der Kunst ähnlich abweisend. Was sie vielleicht insgeheim ein bißchen lieben, beschreiben sie mit milder Zurückhaltung und dem feinen Lächeln distinguierter Erwachsener, die Kindern beim Spielen in der Buddelkiste zuschauen.

Im Bereich des Musiktheaters wird das aber immer schwieriger. Auf den Spielplänen gibt es kaum mehr neue Werke, für die sich auch das Publikum interessiert. Wie strapaziös auch Leute vom Fach etwa moderne Opern finden, erhellte unfreiwillig ein Definitionsversuch des Musicals, den der Generalintendant der Bayrischen Staatstheater und Präsident des Internationalen Theaterinstituts (ITI), Professor August Everding, beim Eröffnungsempfang des Musical-Workshops in München unternahm: Musical ist Unterhaltendes Musiktheater. Muß man daraus nicht schließen, daß es also auch nicht-unterhaltendes Musiktheater gibt, und wie hört sich das an? Diese Begriffsbestimmung ist mehr als ein Irrtum, sie ist eine Fehlleistung (die im übrigen vom Urheber und den Teilnehmern mit leiser, nur halb amüsierter Peinlichkeit auch als solche erkannt wurde): Denn das Wort Unterhaltung sucht das Leichte vom Schweren, das Anspruchsvolle vom Leichtverdaulichen zu unterscheiden und macht das Ernste, Große und zunächst vielleicht nur schwer Durchschaubare zur unerquicklichen Anstrengung.

In der Produktion, der Aufführung und der Rezeption des Musicals spielt das Wort Unterhaltung natürlich eine zentrale Rolle. Diskussionen darüber und über Kunst und Masse sind in ihrem Ergebnis selten fruchtbar, dafür aber in ihrem Verlauf um so aufschlußreicher: Ist Kunst nur dann Kunst, wenn sie die Rezipienten gehörig anstrengt? Ist Unterhaltung nicht nur etwas für die Massen? Haben die Massen von Kunst überhaupt eine Ahnung? Kann etwas gut sein, das bei den Massen Erfolg hat? Kann etwas schlecht sein, das bei den Massen Erfolg hat? Was ist das überhaupt: die Massen?

Das ITI hatte Musical-Spezialisten aus neunzehn europäischen Ländern und aus den USA eingeladen, um über Glanz und Elend dieses Genres zu diskutieren. In einem riesigen, achteckigen Konferenzsaal des Europäischen Patentamtes in München sprachen die Experten neulich vier Tage lang über Erfahrungen und Schwierigkeiten, hörten sich Vorträge kompetenter Theoretiker und Praktiker an, ließen sich Video-Mitschnitte aktueller Produktionen einiger Teilnehmer zeigen und hörten sich Erklärungen und Erläuterungen von Teams an, die noch mitten in der Arbeit steckten und statt fertiger Filme Textbücher und Noten mitgebracht hatten. Es war das erste Mal, daß das Institut speziell Musical-Fachleute zu einer Konferenz eingeladen hatte, und der Gastgeber Everding versicherte gleich zu Beginn, daß man damit der Oper das Primat, hochwertigste und beste Ausdrucksform des Musiktheaters zu sein, keineswegs streitig machen wolle.

Man unterhielt sich zwar fast nur auf deutsch und englisch, aber es war trotzdem eine gute Gelegenheit, die unselige Idee des Turmbaus zu Babel wieder einmal zu verfluchen. Denn wenn es schon schwer genug ist, sich in nur einer gemeinsamen Sprache so zu verständigen, daß alle Teilnehmer des Gesprächs bei einem Begriff die gleiche Bedeutung meinen, so wird es mit über zehn verschiedenen Sprachen, die ja nur behelfsmäßig ins Englische übersetzt wurden, fast aussichtslos.