Es kann keine Rede davon sein“, sagt Bundesverteidigungsminister Wörner, „daß Homosexualität in der Bundeswehr geahndet wird.“ Es kann. Soldaten werden wegen homosexueller Beziehungen zu anderen Soldaten, ja sogar wegen bloßer homoerotischer Neigungen mit strengen Dienststrafen belegt. Homosexuelle Offiziere, wenn sie sich zu erkennen geben, werden nicht mehr befördert und in Zwangspension geschickt. In den Sicherheitsrichtlinien wird als einer der möglichen Gründe für eine Entlassung aus dem Dienst „abnormes Verhalten auf sexuellem Gebiet“ aufgeführt.

Faktisch besteht ein Berufsverbot für Homosexuelle, die Offizier werden möchten, denn, so die höchstrichterliche Entscheidung des 1. Wehrdienstsenats beim Bundesverwaltungsgericht: „Homosexuelle Neigungen schließen die Eignung eines Soldaten zum Vorgesetzten aus.“ Allenfalls zum Leutnant könne man es bringen, meinte Oberst Jürgen Reichardt, Wörners Pressesprecher.

Zur Zeit gibt es in den Streitkräften rund 65 000 Soldaten, die überwiegend oder ausschließlich homosexuell orientiert sind, darunter etwa 1200 Offiziere – dies die Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung. In den Anfängen der Bundeswehr galt Homosexualität noch als Grund für Untauglichkeit und Kriegsdienstverweigerung. Seit zehn Jahren jedoch kommt sie in den Tauglichkeitsbestimmungen nicht mehr vor. Heute wird jeder Schwule genauso wie jeder Heterosexuelle als tauglich gemustert, wenn er sich als anpassungs-, leistungs-, belastungs- und gemeinschaftsfähig erweist.

Aber mit der Musterung hört die Gleichberechtigung zwischen beiden Gruppen schon auf. Homosexuelle sind, wenn sie sich zu erkennen geben oder auch nur als „abnorm“ verdächtigt werden, oft den seelischen Grausamkeiten und Schikanen von Vorgesetzten und Kameraden ausgesetzt. Sie geraten, so ein Betroffener, in einen „Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt“. Wollen Offiziere ihrer Karriere nicht schaden, müssen sie ihre Neigungen, unterdrücken oder strengste Diskretion üben, sich womöglich als Frauenheld tarnen. Klagt einer der diskriminierten Junggesellen in der Bundeswehr: „Zu Standortbällen wird einem selbstverständlich eine Dame verordnet, ob man will oder nicht.“ Manch schwuler Soldat wird depressiv, und nicht selten enden die persönlichen Krisen im Selbstmord.

„Durch die Diskriminierung wird überhaupt erst die Erpreßbarkeit geschaffen“, meint Hauptmann a. D. Michael Lindner, ein vorbildlicher Offizier, der wegen Dienstunfähigkeit auf Grund „schicksalhafter Erkrankung“ 1982 in den Ruhestand versetzt wurde. „Insofern schafft sich die Bundeswehr ihre eigenen Sicherheitsrisiken.“ Ein Kommentator des Bayerischen Rundfunks wandte dieses Problem vorige Woche ins Satirische: Man möge doch vorbeugenderweise die höheren Kommandostellen mit Kastraten besetzen.

Das Vorurteil des „gesunden Volksempfindens“ (Nazi-Jargon) gegen die Homosexuellen, ein Relikt jüdiscn-christlicher Dogmen und des bürgerlichen Zeitalters, ist aus der preußisch-deutschen Militärgeschichte über das Dritte Reich (mit seinen grausamen Homosexuellen-Verfolgungen) an die Bundeswehr tradiert worden, die auch darin ein Spiegelbild der bundesdeutschen Gesellschaft ist. Als der Gesetzgeber 1969 endlich die Strafbarkeit der sogenannten einfachen männlichen Homosexualität abschaffte, hat das Bundesverteidigungsministerium in einem Erlaß an alle Kommandeure und Dienststellenleiter die Kriterien für die „straf- und dienstrechtliche Beurteilung der gleichgeschlechtlichen Betätigung von Soldaten“ neugefaßt (Fü S I 3 – Az 16-02-02). Demnach bleibt Homosexualität zwischen Soldaten grundsätzlich „ein ernstzunehmendes Dienstvergehen“. Begründung: „Das Bekanntwerden der Tat und der Zugehörigkeit des Täters zur Bundeswehr bedeutet für den Soldaten regelmäßig einen erheblichen Verlust an Autorität und Vertrauenswürdigkeit, der das innere Gefüge der Truppe, ihre Sauberkeit, ihre Ordnung, ihre Disziplin und Kameradschaft sowie das Ansehen der Bundeswehr beeinträchtigt.“

Noch 1980 hat das Bundesverteidigungsministerium dem Wehrbeauftragten präzisiert, daß schwule Vorgesetzte nicht nur die Disziplin, sondern auch die Kampfkraft der Truppe gefährden. Müßten sie im Spannungs- oder Verteidigungsfall längere Zeit mit ihren Untergebenen auf engstem Raum zusammenleben, würden die Hemmschwellen an Wirkung verlieren und die Untergebenen bewußt oder unbewußt als potentielle Sexualpartner angesehen. „Gerüchte, Verdächtigungen und Schwierigkeiten bei der Durchsetzung von Befehlen könnten die voraussichtliche Folge sein, die letztlich ... zu einer ernsthaften Beeinträchtigung des Verteidigungsauftrages führen würde.“