Deutsches Auswandererschicksal vor 140 Jahren

Dezember 1843: Noch beinahe zehnwöchiger Überfahrt hat der Hildesheimer Tischler Heinrich Lüder die neue Heimat, St. Louis im Süden der USA, bald erreicht. Hier enden seine Tagebuchaufzeichnungen. Wie er seine Farm fand, warum er sich von seinen Töchtern trennt und wie er sich allmählich einlebt, schildert er in einem Brief an seine Geschwister in Deutschland.

Montag, den 1. Januar 1844. Heute morgen 7 Uhr nahm uns ein Dampfschiff in Empfang, und wir sahen jetzt das erste feste Land vor uns: Amerika, worüber wir uns recht freuten und uns einander Gutes zum neuen Jahr wünschten; aber unsre Freude dauerte nicht lange, denn es fiel ein so dicker Nebel, daß wir die Warnungszeichen, welches schwimmende Tonnen sind, nicht sehen konnten und unser Schiff auf einer Sandbank festfuhr, daß das starke Seil, an dem es befestigt war, durchriß.

Den 2. Januar Heute morgen fuhren wir, weil kein anderes Schiff mehr zu sehen war, wieder weiter. Wir haben es uns bis New Orleans recht lustig gemacht, mit Singen, Spielen und Tanzen, denn auf dem Dampfschiff hatten wir rechten Platz und freuten uns sehr über die an beiden Ufern reichen Plantagen und über die reichen Zitronen- und Apfelsinenbäume, welche sehr prächtig aussahen. Wir sahen auch mehrere Krokodile am Ufer im Schilf liegen und kamen am 4. nachts 1 Uhr in New Orleans an, wo mehrere von uns in die Stadt gingen und den Boden unseres neuen Vaterlandes grüßten. Wir fanden hier noch alle Läden erleuchtet und nahmen eine kleine Mahlzeit ein. Am anderen Morgen gingen wir hier nach einen deutschen Gasthof und frühstückten da und bestellten auch das Mittagsbrot, wo wir junge Kartoffeln, junge Mohrrüben und Kopfsalat hatten, auch eine gute Suppe, welche vorzüglich auch meiner Frau bekam, weil sie so lange hat gute Speisen bei ihrer Krankheit entbehren müssen. Den Nachmittag kam ein Dampfschiff, worauf Unsere Sachen geladen wurden. Wir gingen den Abend in die Stadt und kauften, weil wir uns verproviantieren mußten, Lebensmittel ein und fuhren den anderen Morgen weiter nach St. Luis (St. Louis), wo wir dann endlich dem Ziele unserer Reise am 11. Januar 1844 gegen Abend in Cebgiardo (Cape Girardeau) alle gesund ankamen und uns bei Bierwirth, denn Gasthäuser sind nicht da, einlogierten, weil der gerade ein leeres Haus hatte. Cebgiardo (Cape Girardeau) liegt am Mississippi, 1300 Englische Meilen von New Orleans und 130 von St. Luis (St. Louis).

Cebgiardo, den 8. Februar 1846

Liebe Schwäger und Geschwister

Ich habe mit Freuden durch Wilhelm Willer erfahren, daß Ihr bei seiner Abreise noch alle gesund und wohl seid, und wünsche auch, daß Euch dieser mein Brief bei eben dem Wohlsein antreffen werde. Was mich anbetrifft, so bin ich mit meiner Familie auch recht gesund und wohl. Wir kamen den 11. Januar in Cebgiardo an und logierten bei Bierwirth, am anderen Morgen brachten wir unsere Sachen in Sicherheit. Nach einigen Tagen wurden alle, die Freunde oder Bekannte hatten, abgeholt, nur ich blieb allein da. Allers hat es da aber nicht gefallen ...