Sehenswert

„Sunrise“ von Friedrich Wilhelm Murnau: eines der definitiven Meisterwerke des deutschen Stummfilms, 1927 in Hollywood gedreht, Deutsch sind Vorlage (Hermann Sudermann) und Konzeption (Carl Mayer/F. W. Murnau). Amerikanisch sind die Darsteller. Immer wieder kontrastiert die sparsame Mimik mit symbolträchtigen Schauplätzen: das Moor im Nebel, wo ein Abenteuer zur Versuchung wird; der See, wo die Gefahr der Bewährung dient; und die Großstadt, deren Fremdheit in dem Maße weicht, in dem die Fremdheit zwischen den Eheleuten wieder in Liebe umschlägt. Murnau erzählt atmosphärisch. Seine Einstellungen sind auf emotionale Wirkung hin komponiert. Durch Lichtreflexe, die im Dorf von den Laternen in den Händen der Männer, auf dem See vom künstlichen Mond und in der Stadt von den Rummel- und Reklameleuchten kommen, bringt er Hell-Dunkel-Ornamente in die Bilder. Und durch gleitende Bewegungen der Kamera löst er feste Grenzen auf. In „Sunrise“ wird erfahrbar, was filmischer Rhythmus ist. Und wie Stimmungen entstehen durch gegensätzliche Momente, die die Handlung vorantreiben: Leidenschaft steht gegen liebe; die Großstadt gegen das Land, also auch die Architektur und der Verkehr gegen die Natur. Aber, so Lotte H. Ebner: „Murnau weiß durch fließendes Licht und strömende Bewegung dem allzu Ornamentalen das Konventionelle zu nehmen.“ Das Licht schafft die Form, und die Bewegung interpretiert sie. Licht und Bewegung sind es, die den Film vollkommen synthetisch machen. Reales kommt nur vor als Ergänzung für Kulissen. Murnaus Ziel ist die filmische Illusion, die ganz eigenständig ist: die nicht berührt durch Ereignisse oder Effekte, sondern durch die Atmosphäre, die von ihren Bildern ausgeht. Norbert Grob

Teilweise beachtlich

„Unheimliche Schattenlichter“ von John Landis, Steven Spielberg, Joe Dante und George Miller. – „Twilight Zone“, eine Vier-Episoden-Hommage an eine inzwischen legendäre amerikanische Fernsehserie der frühen sechziger Jahre, gibt vier Erfolgsregisseuren Gelegenheit, sich im Schattenreich des Irrationalen zu tummeln. John Landis aber („Kentucky Fried Movie“, „Blues Brothers“) enttäuscht mit seinem penetrant moralischen Alptraum eines biederen Bürgers, der aus einer amerikanischen Kneipentür in das von Nazis besetzte Paris tritt. Auch die aufdringlich konstruierte und zuckersüße Seid-nett-zueinander-Welt von Steven Spielberg, dessen neuer „ET“, diesmal in menschlicher Gestalt, den Bewohnern eines Altersheims ein paar schöne Stunden beschert, ist enttäuschend. Optisch reizvoll und intelligent ironisch hingegen gestaltet Joe Dante („In Hollywood ist der Teufel los“) den Besuch bei dem Monsterkind Anthony, dessen Wünsche immer wahr werden. Mit Hilfe seiner neuen furchtlosen Freundin trennt er sich von der selbst entworfenen bonbonbunten Comicwelt mit ihren stets gleichen Hamburger- und Icecream-Mahlzeiten, um einen besseren Spielplatz für sein spezielles Talent zu finden. Die Begegnung mit dem Unheimlichen ist dem australischen „Mad Max“-Regisseur George Miller ganz und gar geglückt. Der Computerfachmann Mister Valentine (hervorragend John Lithgow) weiß, daß draußen auf der Tragfläche des Flugzeuges im zuckenden Licht der Blitze wirklich ein scheußliches, schleimiges Wesen sitzt und die Düse demoliert. Doch Flugpassagiere und Personal unterstellen ihm, daß seine krankhafte Flugangst in Wahnsinn umgeschlagen ist. Dieser brillant gefilmte Horrortrip allein lohnt schon den Besuch der „Unheimlichen Schatten“. Lina Schneider

Empfehlenswerte Filme

„Die flambierte Frau“ von Robert Van Ackeren. „Zelig“ von Woody Allen. „Eating Raoul“ von Paul Bartel „Fanny und Alexander“ von Ingmar Bergman. „Das Geld“ von Robert Bresson. „Annas Mutter“ von Burkhard Driest. „Local Hero“ von Bill Forsyth. „Eine Saison in Hakkari“ von Erden Kiral. „Koyaanisqatsi“ von Godfrey Reggio. „Pauline am Strand“ von Eric Rohmer. „Carmen“ und „Zärtliche Stunden“ von Carlos Saura. „Under Fire“ von Roger Spottiswoode. „System ohne Schatten“ von Rudolf Thome.